Nach Andreas Frühlingspost reihe nun auch ich mich ein… Denn: Der trübe und untypische Frühling macht vielen zu schaffen und gibt zu denken.

Die einen fliegen in den Süden – wie auch unsere liebe Mia in die Flitterwochen – und die anderen schmieden Pläne, was sie alles tun werden, wenn dann endlich die Sonne scheint und es wärmer wird. Und dann gibt es manche, die plötzlich Panik bekommen, dass an der Sache mit der sogenannten „globalen Erwärmung“ und dem damit verbundenen Klimawandel (fachlich korrekter wohl: der gestiegenen Einflussnahme auf das Klima durch den anthropogenen Treibhauseffekt) doch stimmen könnte…

Mich selbst bringt das Wetter wie viele andere auch zum Philosophieren.

Und zwar darüber, ob diese Erwartungen, die wir an die Welt und ständig an das Wetter da draußen haben, ob die vielleicht geprägt sein könnten von der Scheinwelt, in die wir uns durch unsere allgegenwärtigen Smartphones, Werbewelten, Fernsehen, Film und Kino immer öfter begeben oder aus denen wir fast nicht mehr herauskommen.

Der Frühling müsste deutlich wärmer, ungleich viel sonniger und vor allem bunter sein. Aber ist das Wetter so untypisch? Ich habe als Kind schon im Schnee Ostereier gesucht und vor zwei Jahren habe ich mir Füße und Hände bei minus 9 Grad bei einem Outdoorshooting abgefroren. Woher kommt die Erwartung, dass es so anders sein müsste?
Ist die realistisch? Oder sagen wir: realitätsbasiert?

Ist es nicht vielleicht so, dass wir etwas für „typisch Frühling“ halten, das uns großteils nur vorgegaukelt wird? Verlieren wir eventuell in Zeiten der scripted reality und Fotobearbeitung für Jedermann nicht vielmehr mehr und mehr den Bezug zur Wirklichkeit?

Wollen wir nun, nachdem wir uns durch Germany’s Next Topmodel zu dick und hässlich fühlen und uns die Werbetrailer von Medical One und die Sendung „Extrem schön“ suggerieren, das wir das aber ändern könnten… nicht nur uns selbst verändern und nicht nur die Welt so einfach haben wie im Kino und unsere Liebesgeschichten mit so einem tollen Happy End (was wohl der älteste dieser Wünsche ist)… sondern nun auch noch das Wetter bzw. die Jahreszeiten und die damit verbundenen Farben, Empfindungen und Gerüche?

Ist Sonne auf der Haut so toll wie im Fernsehen? Sind Sonnenbrand und -stich abgeschafft und schwitzt keiner mehr? Ist Vogelzwitschern am Morgen das Nonplusultra und überall leuchtende Farben wirklich typisch für die heimische Flora? Was ist mit Heuschnupfen, rolligen maunzenden Katzen und den plötzlich überall herumrasenden Motorrädern? Reichen denn nicht Gänseblümchen in Weiß, Hahnenfuß in Gelb und Wiesenschaumkraut in Blasslila? Muss es wirklich die Gewächshaustulpe sein, die nun auch draußen sprießt oder überzüchtete allzu perfekte Rosen, die scheinbar nie von Schnecken angefressen werden (vielleicht haben die Schnecken sogar recht damit bei all den Überzüchtungen)? Wissen wir überhaupt noch, wie Blumen wirklich riechen? Verwechseln wir Gewächshausgeruch mit Duft?

Und wenn wir in einem Punkt eine Bilderbuchwelt oder besser: Filmwelt fordern, sollten wir uns auch sonst die Frage stellen: Wollen wir das wirklich, dass die Welt so ist, wie sie laut Filmen usw. sein sollte?

Wollen wir kreischende Fledermäuse, lautstarke Explosionen im All, wochenlang nicht auf’s Klo gehen und dass alles so bunt und laut und intensiv ist wie in einem Film? Wollen wir all die Weglassungen dulden, die zum Film und auch der scripted reality dazugehören? Oder ist es nicht genau das, was unseren Alltag eigentlich (auch) ausmacht, das schlichtweg Alltägliche, auch mal Unbunte, auch mal Leise und (augenscheinlich) Belanglose?

Ist es nicht schlimm genug, dass selbst gescriptete Reality (die im Grunde ja gar keine „Reality“ ist) unser Weltbild beeinflussen kann? (Wenn man mal schaut, wie ehrlich sich manche Leute auf facebook, youtube & Co über Frauentauschcharaktere etc. aufregen können…)

Ist es nicht schlimm genug, dass wir immer noch behaupten, Werbung und alles andere, was die Medien so von sich geben, könnte uns auf gar gar gar keinen Fall beeinflussen?

Sind wir echt so naiv oder tun wir nur so?

Ich habe jedenfalls mal meine Umgebung unter die Lupe genommen und etwas Erstaunliches festgestellt. Die Erkenntnis habe ich versucht, in Bilder zu fassen.

Bild 1 zeigt den Frühling, wie er mir vom Radio, dem Fernsehen und den Jammernachrichten auf facebook beschrieben wird. Grau, trüb, es liegt Laub herum und gerade mal ein Gänseblümchen zeigt sich, das man aber auch wirklich suchen muss.

Und die anderen Bilder zeigen, wie ich langsam entdeckt habe, dass man eigentlich ganz schön viel vom Frühling, Wachsen, Treiben sehen kann – wenn man nur will. (So langsam hat sich da auch mein Blick verändert. Aus dem Suchen nach kleinen Frühlingsanzeichen wurde ein „überall etwas entdecken“.)

Übrigens: alle Fotos sind am selben Tag kurz hintereinander entstanden.

Positiv denken oder einfach genau hingucken? Es ist euch überlassen. Mir geht es jedenfalls mit dieser Sichtweise deutlich besser.

Winterdepression adieu!

 

 

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