Seit Jahren schleicht ein – ich muss es fast schon so nennen – Trend durchs Land, der eigentlich ganz klein und in alternativen Subkulturen begonnen hat: Die vegane Ernährung. Was das ist, brauche ich wahrscheinlich fast nicht mehr erklären: Veganer verzichten auf alle tierischen Produkte, also nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Milch, Käse, Eier & Co. Als meine ersten Freundinnen vor mittlerweile fast zwanzig Jahren verkündeten, von nun an keine Tiere mehr zu essen, war das schon ein Schritt in die „richtige“ Richtung.

Vegetarismus ist mittlerweile absolut alltäglich und ich kenne kein Restaurant, das nicht mindestens ein vegetarisches Gericht auf der Karte hat – selbst wenn es sich um ein Fischrestaurant oder ein Steakhaus handelt. Veganismus wird stellenweise allerdings immer noch skeptisch beäugt: Als übertrieben, ungesund oder sogar unmachbar wird er abgestempelt. Ich kann da nur lachen.

Alle vegan lebenden Menschen, die ich kenne, erfreuen sich einer prächtigen Gesundheit. Das liegt vor allem daran, dass sie – ganz im Sinne unserer Healthy Week – in der Regel allgemein sehr gut für sich sorgen. Die Entscheidung für ein veganes Leben ist eine sehr bewusste, und man kann davon ausgehen, dass Veganer mit eben diesem Bewusstsein auch an den Rest ihrer Ernährung rangehen. Ungesund könnt ihr alle getrost vergessen. 

Sieht das ungesund aus?

Übertrieben? Ganz ehrlich, dabei werde ich richtig wütend. Ich bin etwas müde, immer wieder auf Tiere essen zu verweisen, aber wer Lust hat kann sich ja mal durch den Fleischatlas klicken, den die Heinrich Böll Stiftung gratis online veröffentlicht hat. 89 Kilo Fleisch kauft und isst der Durchschnittsdeutsche, wahrscheinlich sogar ohne sich als besonderen Fleischliebhaber zu bezeichnen. Noch viel schlimmer aber: 20 Prozent allen produzierten Fleischs werden weggeworfen – weil es uns nicht delikat genug, frisch genug, oder eben doch zu viel auf dem Teller war. Muss das sein? Ihr fragt es euch wahrscheinlich gerade: Nein, ich lebe weder vegan noch vegetarisch. Ich esse gerne ab und an ein gutes, gesundes Stück Fleisch. Wenn ich weiß wo es herkommt. Und mit ab und an meine ich in der Regel: Nicht öfter als einmal die Woche. Die meisten von uns (85%, sagt der Fleischatlas) essen aber täglich Fleisch. Das ist doppelt so viel wie noch vor hundert Jahren, und ich behaupte, dass die wenigsten von uns mehr körperliche Arbeit leisten als unsere Vorfahren. Denkt einfach mal drüber nach: Muss das sein?

Muss es nämlich nicht. Unmachbar ist vegetarisches und veganes Leben schon lange nicht mehr. Vegetarische Alternativen und vegane Restaurants sprießen nur so aus dem Boden. Mia und ich essen momentan nirgends lieber als in Stuttgarts neuem Restaurant für frische, vegane und vegetarische Küche: Das „V“ am Wilhelmsplatz bietet eine leckere, wöchentlich wechselnde Mittagskarte mit yummy Gerichten wie einer spicy Mango-Karotten-Suppe oder dem Gemüse-Risotto.

Und auch in anderen Städten ist die vegane Küche auf dem Vormarsch: Meine Kommilitonen in Mainz schlecken momentan liebend gern veganes Eis vom neu eröffneten N’Eis in der Neustadt. In Frankfurt treffe ich mich mit Freunden gern zum Frühstück im Savory, und in Berlin zieht es vegane Süßmäuler ins Café Vux. Für vegane Pizza und Pasta geht ihr in Berlin am besten ins Sfizy Veg.

Tipp für leckeres Gebäck: in jedem Supermarkt gibt’s veganen fertigen Blätterteig!

Unsere uber-Lena lebt seit Jahren aus Überzeugung vegan. Sie hat uns für euch ein paar Fragen beantwortet:

Lena, was war dein entscheidender Impuls zur veganen Ernährung?

Mir wurde sozusagen der Kopf gewaschen. Ich habe lange in dem Bild gelebt: Wenn man auf Bioland-Siegel und sowas achtet, dann sind die Tiere gut gehalten worden und, und, und… Dann kam aber ein Bekannter daher, der mir da ordentlich die Meinung geigte, wie blind ich doch sei. Ich habe mit 13 das Fleisch weggelassen und hatte mit 17 eine Anämie (Blutarmut, in meinem Falle hervorgerufen durch Eisenmangel). Auch darum war ich ein wenig skeptisch, überhaupt Fleisch wieder wegzulassen, da Eisentabletten & Co nie angeschlagen hatten. Als ich dann aber sah, wie Hühner gesext und männliche Küken geschreddert werden (auch für’s Bio-Ei) habe ich gemerkt, dass ich etwas ändern muss… und es mit dem Biosiegel allein nicht getan ist.

Kichererbsen und andere Hülsenfrüchte liefern viel Eiweiß, oft auch Eisen und sind damit fester Bestandteil einer ausgewogenen veganen Ernährung

Du bist beruflich viel unterwegs. Wie schaffst du es, auch auf Reisen und auf Fotolocations vegan zu leben? Oder machst du hier manchmal Ausnahmen?

Ich war von Oktober 2010 bis Ende 2012 sehr strikt und habe lieber gar nichts oder nur einen Apfel gegessen… dann habe ich ein Weilchen vegetarische Ausnahmen gemacht, nachdem ich einmal bei einem Job (Tagesdokumentation) fast einen Kreislaufkollaps hatte. Allerdings tut mir diese Inkonsequenz nicht gut, bin es inzwischen wieder und habe eben sämtliche Taschen voller veganer Süßigkeiten für den Notfall. Leider vergessen Kunden manchmal, sich um meine Verpflegung zu kümmern, auch wenn es vorab abgesprochen war. Je nach Location ist das dann doch etwas schwierig, aber jetzt muss ich eben wie früher als Kind immer schön mein „Vesper“ selbst mitbringen – nervt ein bisschen, aber geht.
Zum veganen Leben gehört ja aber nicht nur Essen. Mein Duschgel, Shampoo, Make Up habe ich immer dabei, da besonders in Hotels oft sehr üble Produkte herumstehen, die ich dann auch nicht benutzen mag. Bei Hotels rufe ich außerdem vorher an und frage nach Pflanzenmilch für mein Frühstück. Wenn die keine dahaben, besorgen sie mir welche – bisher gab es da nie Probleme. MotelOne beispielsweise hat übrigens immer Sojamilch im Haus!

Was ist für dich das schlimmste – oder dümmste – Vorurteil gegen Veganer, und wie kann man es entkräften?

Da du die meiner Meinung nach nervigsten Punkte schon genannt hast, bleibt mir noch ein Punkt: Veganismus sei eine Umweltsauerei.
Das geht ungefähr so: wenn alle Welt sich vegan ernähren würde, dann müsste der ganze Regenwald für den Anbau für Soja gerodet werden und allgemein gebe es kaum genug Ackerfläche für Gemüse für alle. Entkräften kann man das ganz einfach, indem man darauf hinweist, wie viel Getreide nur als Futtermittel für sogenannte Nutztiere angebaut wird und natürlich auf die Tatsache, dass wir, wenn wir die Pflanzenenergie direkt aufnehmen, viel weniger von ihr brauchen, als wenn erst ein Tier die Pflanze futtert und wir dann das Tier… Es handelt sich also um eine reine Milchmädchenrechnung.

Bild via dontsettleforless.tumblr.com

Das hier soll – wie immer von meiner Seite – kein Plädoyer für den absoluten und fundamentalen Verzicht sein. Ich bin so gut wie nie für Schwarz-oder-Weiß, sondern sehe tausende Graustufen. Fleisch essen ist für mich keine Sünde. Aber ich finde, wenn es um die Ernährung geht sollte man lieber einmal zu viel als einmal zu wenig darüber nachdenken, was man zu sich nimmt. Und vor allem: Wie viel davon.

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