Stell’ Dir vor, Du stehst mit den Füßen in feinem Sand am türkisblauen Meer und bis auf eine Handvoll anderer Menschen ist da niemand. Die Tage zuvor bist du waghalsige Serpentinen entlang gekurvt, hast tiefe Schluchten durchwandert und dir die Augen an surreal anmutenden Aussichten satt gesehen. Hach.

Gerade trägt mich die Erinnerung zurück in den letzten glorreichen Juli, in dem ich spontan zugesagt habe durch Osteuropa zu fahren und am Ende mein Reiseherz an Albanien verloren habe. Albanien – richtig gelesen. Schon vor meiner Abreise hat mir das zweifelnde Blicke und mehrfaches Nachfragen eingebracht. „Ist das denn sicher? Warum willst du denn ausgerechnet dort hin?“.

Ganz einfach – weil Albanien diese wunderschöne, wilde und noch unverbrauchte Mittelmeerliebe sein kann. 

Albanien war vorletzter Stopp eines kleinen Roadtrips. Von Kroatien sind wir in zehn Tagen über Montenegro und Albanien mit Schiff und Bus bis nach Korfu gelangt.

Der Balkan ist ja schon eine Weile kein wirklicher Geheimtipp mehr, wenn es um Albanien geht, dann sieht die Sache jedoch noch einmal anders aus. Erst seit 1990 ist das Land mit weniger als drei Millionen Einwohnern langsam aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Lange Zeit hatte es zuvor unter der Diktatur des kommunistischen Führers Enver Hoxha in weitest gehender Isolation vom Rest Europas verbracht. Diese kommunistische Vergangenheit bemerkt man noch heute, vor allem im Stadtbild der Hauptstadt Tirana. Die breiten Paradestraßen und groß angelegten Plätze im Zentrum erinnern an Stalins Prachtarchitektur im Osten Berlins.

Hauptstadtflimmern in Tirana

Tirana ist keine offensichtliche Schönheit, das jedenfalls war mein erster Eindruck. Sie ist jedoch das schnell schlagende Herz des Landes: Straßenverkäufer, hupende Autos und bunt bemalte Fassaden, um dem Grau vergangener Zeiten zu trotzen. Junge Menschen sitzen in hippen Cafés im Viertel Blloku, die vielfältige kulturelle Geschichte des Landes zeigt sich wechselnd in osmanischer und italienscher Architektur, die Luft flimmert. Es ist eine Stadt auf dem Weg – es wird viel gebaut, gleichzeitig verkommen alte Gebäude und Denkmäler und bleiben wie Skelette zurück.

Zwei Tage haben gut ausgereicht, um ein Bild von der  Hauptstadt zu gewinnen und vor allem um die Seele im wunderbaren Backpacker Hostel baumeln zu lassen. Wer der Hitze und dem Staub der Straßen entfliehen will, flüchtet hier hin wie in eine Oase. Ohne reserviert zu haben, durften wir unsere erste Nach auf den Sonnenbetten im Innenhof verbringen, weil alle Betten ausgebucht waren. Hilfsbereitschaft und Entspanntheit – ein Eindruck der sich im Laufe der Reise nur immer wieder bestätigen sollte.

Ab in die Berge!

Bereits in Tirana hatten wir von dem Bergdorf Berat im albanischen Hinterland gehört und uns spontan entschieden dort einen nächsten Stopp einzulegen. Wer bereit ist sich Zeit zu nehmen, kommt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gut von einem Ort zum nächsten. Ich mag diese Art des Reisens, denn so werden die Wege gleichzeitig zum Teil des Abenteuers. Aus dem Busfenster heraus kann man bestens über die vorbei ziehende Landschaft staunen, denn an wilder Schönheit hat Albanien viel zu bieten. Enge Bergstraßen, große Weiten, in der Ferne verheißungsvoll funkelnde Küste.

Angekommen in Berat, schmiegen sich weiße Häuser den Hang zum alten Schloss hinauf. „Die Stadt der tausend Fenster“, wird sie deshalb auch genannt. Durch enge Gassen klettern und dabei durch offene Tore in kleine Innenhöfe spähen oder auf der Flanierpromenade zusehen wie die Jungen ihre Runden drehen, während im Park nebenan die Alten über ein Schachbrett gebeugt zusammensitzen – Berat bedeutete für mich definitiv Entschleunigung.

Hier gibt es ein paar Restaurants, eine Handvoll Bars und Abends treffen sich die Jugendlichen in kleinen Grüppchen auf der Brücke über dem Osumi. Eigentlich sollte man sich aber einfach eine kalte Flasche Bier schnappen und im malerischen Berat Backpackers Hostel unter Obstbäumen sitzend den Blick über die Berge schweifen lassen. Im letzten Sommer hat das Hostel zudem Tagestouren zu einem Wasserfall organisiert. Nach einer kurvenreichen Fahrt weiter ins Hinterland und einer kleinen Wanderung wird man dann mit eiskaltem Wasser, Felsen zum Springen und Raki belohnt.

Funkelndes Meer und Einsamkeit

Wenn man dann wie ich seinen Rückflug von Korfu aus schaffen sollte, dann muss man irgendwann anfangen Kurs auf Saranda zu nehmen, von wo die Fähre Richtung Griechenland abfährt. Wir haben uns für einen weiteren Stopp an der albanischen Küste entschieden. Das Meer ist türkis schimmernd, die Strände mitunter fast menschenleer.

Wer den Menschen auf dem Weg aufmerksam zuhört und die Augen offen hält, endet dann vielleicht wie wir. In einer alten Schule in einem Olivenhain, in deren Räumen man für wenig Geld übernachten darf. Vor der Tür eine Schaukel, auf der man unter dem Sternenhimmel wippend in der Ferne die Lichter Korfus erahnen kann.

Albanien ist Sehnsuchtsland für mich geworden. Wir fahren dieses Jahr vielleicht wieder hin.

All diese Fernweh-Bilder stammen übrigens von Kai von atlasofthings.com

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