Die Devise: Augen Auf beim Reisen auf zwei Rädern. Während des Radelns bleibt viel Raum zum Nachdenken und Umschauen. Wir fahren an unzähligen leuchtenden Mohnblumenfeldern vorbei, kleinen Burgen, alten Klöstern und malerischen Fachwerkhäusern. Wir rasten an Bächen und Seen und statten Ferropolis einen Besuch ab, wo der ein oder andere jetzt sicher bald wieder auf dem MELT tanzen wird. Ich stehe zwischen den riesigen Bergbaumaschinen und bin sprachlos über diese Monster aus Stahl.

Goslar überrascht mich als pittoreske Kleinstadt, die auch gut als Kulisse für einen Historienfilm dienen würde. Im Harz kriechen wir Berge hinauf und preschen kurvige Straßen bergab. Die sanfte Landschaft an der Weser entlang taucht am Ende des Tages in fast kitschiges Abendrot. Hessen empfängt uns mit stundenlangem Gegenwind, der mich erst wütend, dann erschöpft macht. Zur Entschädigung glänzt aber die Marburger Altstadt besonders schön in der Abendsonne.

Höhen und Tiefen durchradeln

Was lernt man noch so in einer Woche auf zwei Rädern? Tatsächlich wird mit jedem Tag mein Interesse für Bodenbeläge größer und wir fangen an Punkte zu vergeben. Das liegt wohl daran, dass ich auf den dünnen Reifen eines Rennrades unterwegs bin. In Sand sinke ich ein, Schotterwege werden zur Rüttelpartie und Waldboden wird zum Slalom zwischen Wurzeln. Dann gibt es noch Asphalt, auf dem ich mich wie die Königin der Straße fühle. Tritt für Tritt wird mein Kopf freier und mit Wind im Haar, Sonne im Gesicht und jeder aus eigener Kraft geschafften Etappe, fühlt sich all das an wie ein großes Abenteuer.

Tiefpunkte gibt es natürlich auch. Meinen erreiche ich, als ich an einem Tag zweimal stürze. Die oben angesprochene Kombination aus Rennrad und suboptimalem Bodenbelag war Schuld! Mit aufgeschlagenem Knie und mehreren blauen Flecken überlege ich abends vor dem Zelt tatsächlich aufzugeben. Am nächsten Tag kaufe ich einen Helm und fahre weiter. Ein Rennrad ist eben eher ein Wildpferd, kein süßes Pony.

Oh, Deutschland!

Was soll ich noch sagen? Ich mag es, wie so eine Fahrradreise Geschichten erzählt. Ich mag das Gefühl Wege abseits der großen Straßen zu fahren und vielleicht zum ersten Mal wirklich etwas von dem Land zu sehen, das ich Heimat nenne. Da sind sie die verlassenen Landstriche, die ursprünglichen Ortschaften, die aus vier Höfen bestehen. Da sind sie die alten Leute, die auf dem Marktplatz sitzen und einen neugierig ansehen. Da sind sie die Wälder und Wiesen, die so gut duften. Da sind sie die schönen und die nicht so schönen deutschen Innenstädte.

An einem Tag machen wir Rast auf einem Campingplatz, der während des Elbhochwassers zerstört worden war. Idyllisch sieht es hier immer noch nicht aus, aber die Gruppe Camper, die den Platz offenbar dauerhaft bewohnt, nimmt uns herzlich auf. Abends sitzen alle am Feuer, es gibt Bier und Schnaps. Einige der Gesichter scheinen gerötet von der Sonne und vom Alkohol. Ich schaue in die Runde, höre den Gesprächen zu und blicke über den vom Wasser zerfressenen Platz. Ich erinnere mich, wie ich letztes Jahr verärgert über eine hochwasserbedingt ausgefallene Zugfahrt war und schäme mich ein bisschen. Es sind die Realitäten des eigenen Landes und Fragmente von Alltagen, die man zu sehen bekommt. Dazu all die Landstriche und Aussichten, die herrlich sind, wenn man sich nur die Zeit nimmt hinzuschauen.

Zurück in Berlin schmiede ich jetzt schon neue Pläne. Diesmal soll es mit dem Rennrad von Usedom zurück in die große Stadt gehen. Wer kommt mit?

Den ersten Teil zu meiner Reise auf zwei Räden findet ihr übrigens hier.


Alle Bilder © 2014 uberding von Livia Noll.

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