Manche Lieder könnte man glatt zum Soundtrack seines Lebens machen. Wenn ich eine Aufzählung machen müsste, um herauszufinden welche Band da am Ende als Sieger herausgeht, dann würde da wohl The National stehen. Vor vier Jahren zum ersten Mal auf einem Festival live gesehen, kann ich mittlerweile mehr also nur eine Handvoll Songtexte mitsprechen (Sprechen, denn Singen möchte ich niemandem antun).

Einmal Fan Girl sein

Das letzte Album „Trouble Will Find Me“ habe ich in Endlosschleife gehört und bei der letzten Tour war ich gleich zwei Mal im Publikum, ein Mal in Berlin und weil es so prima war auch noch in Paris.

Das klingt jetzt schon mächtig nach Fan Girl und zur Krönung folgte am Mittwoch die Vorpremiere des niegelnagelneuen The National – Films „Mistaken for Strangers“ in Berlin. Die Überraschung? Zu sehen gab es eigentlich gar keinen Film über die Band oder vielleicht besser: nicht nur.

The National im Kino oder die Geschichte zweier Brüder?

Zu sehen gibt es viel mehr die persönliche Reise von Tom, dem kleinen Bruder des Frontsängers Matt Berninger, der die Band ein Jahr lang auf Tour begleitet hat. Einen Dokumentarfilm wollte er dabei drehen ohne sich darüber im Vorweg wirklich Gedanken gemacht zu haben. Erste Szene: Matt Berninger sitzt in einem viel zu niedrigen Campingstuhl, bereit für das erste Interview mit seinem Bruder.

„Wirst du nicht irgendwann… Auf Tour ist es tagein, tagaus… Wirst du… Macht dich das schläfrig auf der Bühne? Müde… müde auf der Bühne? Das ist meine Frage. Frage Nummer eins.“
Das Publikum in Berlin lacht und viel besser werden Toms Fragen auch nicht. Wir bekommen an diesem Abend keine klassische Rockumentary mit Hochglanz-Aufnahmen und tiefen Einblicken in den Tour- oder Studio-Alltag. Stattdessen sehen wir immer wieder Tom, den Mittdreißiger, der immer noch zu Hause bei seinen Eltern wohnt. Der einen kugelrunden Bauch hat und eigentlich Heavy Metal hört.

Fast automatisch drängt sich die Frage auf, wie das sein muss. Der ältere Bruder hat es vermeintlich geschafft. Er ist Sänger einer der meist gefeierten Bands der Indie-Szene. Mit jedem Album haben sich The National ein bisschen mehr Ruhm und Lob erspielt. Wo Anfangs noch Plätze im Publikum leer geblieben sind, stehen jetzt Hallen bis zum Bersten gefüllt. Wie funktioniert Geschwisterliebe in so einem Fall?

Dass so ein Geschwisterverhältnis angespannt und schwierig sein kann, zeigt „Mistaken for Strangers“. Tom stellt Fragen, auf den ersten Blick so belanglos, dass sich ein Magazin sie nie zu stellen trauen würde. Er filmt die Band mehr oder weniger planlos, gibt absurd klingende Drehanweisungen und schafft es nebenbei seinen eigentlichen Job während der Tour, nämlich als Roadie auszuhelfen, frühzeitig zu verlieren.
Bei all der Selbstdarstellung habe ich mich kurz gefragt, ob man wirklich so sein kann. Soll man den Kopf schütteln? Nein. Was Tom schafft, ist nah ran zu kommen. An die Band und an sich selbst. Die Situationen sind oft absurd, aber ungekünstelt. Es sind die vielen kleinen Momente, die seine Kamera einfängt. Blicke, Nervosität, Ärger, herzliches Lachen. Emotionen wie Neid ohne wütend zu sein, Zusammenhalt und Unsicherheit über das eigene Schaffen. Es ist eine persönliche Geschichte geworden. Sie erzählt von einer nicht einfachen, aber empathischen Brüderbeziehung, über das Scheitern und nicht Aufgeben. Sie zeigt viele kleine Facetten einer Lieblingsband und wird am Ende die Dokumentation einer Doku.
„Mistaken for Strangers“ – gönnt euch die 75 Minuten im Kino eures Vertrauens!

 


Alle Fotos von Livia Noll © uberding.

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