Wenn man durch Ashgabat fährt, dann kommt man sich vor wie in einer Geisterstadt. Die sauberen, blank gefegten Bordsteine sind leer, selten kreuzt ein anderes Auto den Weg, nur wenn man genau hinsieht entdeckt man zwischen den sorgfältig gepflanzten Bäumen eine der Frauen, die tagtäglich zum Wässern hierher kommen müssen. Ashgabat liegt mitten in einer Wüste und gibt sich trotzdem größte Mühe, eine grüne Stadt zu sein. Absurd, wenn man fünfzehn Kilometer aus der Stadt fährt und alles nur noch Staub und Sand ist.

Genauso absurd wie die ganze Stadt an sich. Vor zwanzig Jahren, erzählt uns Arsen, der Sohn unseres Guides durch die Turkmenische Hauptstadt, war hier noch nichts. Doch mit der Unabhängigkeit wurde aus dem Staat, der einst zum ärmsten Teil der Sowjetunion gehörte, eines der reichsten Länder Zentralasiens: Gas und Erdöl werden hier gefördert, und wer nicht direkt oder indirekt für einen der großen Gaskonzerne arbeitet ist damit beschäftigt, aus Ashgabat ein neues Dubai zu machen. Zumindest, wenn es nach Ashgabats Führungsspitze geht.

Turkmenistan ist eine Präsidialrepublik. Bis zu seinem Tod 2006 regierte Staatschef Saparmyrat Nyýazow das Land – und schuf einen regelrechten Personenkult um sich. Als ich vor fünf Jahren das letzte Mal zu Besuch war, stand im Zentrum der Innenstadt eine riesige goldene Statue mit seinem Konterfei. Sein Buch wurde zur Staatslektüre, er ließ Theater und Oper verbieten, Studienfächer durften nicht mehr frei gewählt werden. Auch die Sozialausgaben ließ er radikal senken – alle Krankenhäuser bis auf eines in der Hauptstadt wurden geschlossen, Renten und andere Zuschüsse extrem gekürzt. Stattdessen wurde aus Ashgabat eine Stadt aus Marmor und Gold mit Prachtbauten, die rein repräsentative Zwecke erfüllen. Mit einem Indoor-Riesenrad und mit Springbrunnen, die mitten in der Wüste Wasser in die Ludt werfen als gäbe es kein morgen. Und die Stadt für mich zu einem der surrealsten Orte der Welt machen.

Die vollständige Unterdrückung der Opposition hielt auch nach Nyýazows Tod an, bei der Wahl 2007 traten wieder nur Mitglieder der Kommunistischen Partei an. Neuer Präsident wurde Gurbanguly Berdimuhamedow, der diverse Reformen ankündigte: Internet für alle zum Beispiel. Medizinische Versorgung in mehr als einem Krankenhaus. Mehr Wohnraum für die Bevölkerung. Bildung. Aber 2014 sind die Menschen in Ashgabat immer noch unzufrieden.

Es gibt keine Mittelschicht, sagt mir Arsen, seine kleine Schwester ist wie er zum Studium nach Russland gegangen, weil es in Turkmenistan nicht bezahlbar sei. Der Wohnungsbau in der Innenstadt geht sichtlich voran, die meisten Menschen wohnen aber nach wie vor in engen Wohnungen außerhalb der Stadt, tagsüber fegen sie die Straßen, um ein sauberes Stadtbild aufrecht zu erhalten. Gas und Strom, Wasser und Salz ist für sie gratis, das Studieren zu teuer für ihr Gehalt. Der Zugang zu Facebook ist nur über Proxy-Server möglich, die staatliche Zensur zieht sich durch alle Medien. Im Sonnenuntergang leuchtet die goldene Kuppel des Regierungsgebäudes. Die Statue von Saparmyrat Nyýazow wurde nach seinem Tod weiter nach draußen gestellt, doch die goldenen Augen scheinen nach wie vor über die Stadt zu wachen.


Turkmenistan liegt zwischen Afghanistan, Iran, Kasachstan und Usbekistan am Kaspischen Meer. 947.221 der 6,7 Millionen Einwohner Turkmenistas leben in der Hauptstadt Ashgabat, mehr als die Hälfte der Bevölkerung wohnt auf dem Land. Trotz all meiner Verwunderung über diese merkwürdige Stadt begegneten mir hier mal wieder wahnsinnig herzliche, gastfreundliche, interessante und interessierte Menschen. Mit Arsen und seinem Vater bin ich zwei Stunden lang bei 40 Grad und weniger als 30% Luftfeuchtigkeit durchs Hinterland gewandert, auf dem Markt habe ich mich mit Hand und Fuß verständigt und leckerstes Trockenobst gekauft. Mein Lächeln wurde dabei immer erwidert.

Kommentare

Send this to a friend