Meine Kollegen hier bei adidas machen sich immer darüber lustig, wie viele Feiertage wir in Deutschland haben. Schließlich ist das Headquarter in Herzogenaurach und gerade in Bayern gibt es schließlich den ein oder anderen Tag, an dem gesetzlich alle frei haben. Hier hingegen sind die Feiertage eher rar, einige wie beispielsweise der Columbus Day oder der Veteran Day existieren zwar, haben aber keine Auswirkungen auf das Arbeitsleben. Umso größer werden hingegen die Tage zelebriert, die wirkliche Feiertage sind. Vom Independence Day im Juli habe ich schon berichtet, nun stand Thanksgiving auf dem Programm. Da Thanksgiving stets ein Donnerstag ist, hieß es für die meisten Leute hier „verlängertes Wochenende“, so auch für mich.

 Thanksgiving in New Jersey

Lange hatte ich überlegt, was ich denn an Thanksgiving machen könnte. Man kennt das Fest schließlich aus unzähligen Filmen – es wird im Kreise der Familie gefeiert, Mama verbringt den Tag in der Küche und im Ofen wird ein Truthahn gebraten. Viele Amerikaner fliegen extra zu diesem Anlass quer durchs Land und die, die in Großstädten wie New York bleiben, feiern „Friendsgiving“ mit den besten Freunden, im Restaurant oder zu Hause.

Ich war wohl ein bisschen wie ein Mädchen in der Highschool, das darauf wartet, endlich von einem Kerl gefragt zu werden, ob sie denn noch als Prom-Begleitung zur Verfügung stünde. Und der Moment kam tatsächlich, wenn auch weniger romantisch:

Mein Arbeitskollege Frank meinte zu mir: „Hast du schon Pläne für Thanksgiving? Ich würde dir ja anbieten, mit zu meiner Family nach New Jersey zu kommen, aber du bist ja Veganer, das geht bei uns zu Hause nicht!“ Ich überlegte kurz und die Entscheidung war gefällt: Für das Erlebnis Thanksgiving könnte, ja müsste ich eben meinen neuen Ernährungsplan für einen Tag ignorieren und so richtig zulangen.

Am Donnerstag Vormittag machte ich mich also bei eisigen Temperaturen auf den Weg und setzte mich in einen Bus im Port Authority Bus Terminal in Manhattan (deshalb gibt es von mir auch leider keine Fotos zur Thanksgiving-Parade in der Stadt, die ich aus Zeitgründen und nach der eher ernüchternden Halloween-Parade nicht angeschaut habe).

Ich mag diesen Moment irgendwie, wenn man im Tunnel von NYC nach New Jersey fährt und von der anderen Seite dann nochmal einen dieser Gänsehaut-Blicke auf die Skyline erhaschen kann. Es folgen weitläufige Industriegebiete, die ich im Vorbeifahren jedes Mal supercool finde. Brücken aus Stahl, rauchende Schornsteine und ganz viel Eisenbahn, das ist es schließlich, das Rückgrat der Vereinigten Staaten von Amerika! Über eine Stunde saß ich im gemütlichen, warmen Bus und schaute aus dem Fenster, ganz beseelt davon, was auf mich zukommen sollte und glücklich darüber, der lauten, engen Stadt mal wieder zu entfliehen.

Frank, der in Freehold, NJ aufgewachsen war, hatte schon häufiger vom Leben in Jersey geschwärmt, ich hingegen hatte außer dem Flughafen in Newark bisher nicht viel vom Nachbarstaat gesehen und dementsprechend kein besonders ansprechendes Bild im Kopf. Dies änderte sich aber schnell, nachdem ich in Freehold angekommen war, wo Frank mich im Auto abholte. Er fuhr mit mir einen kleinen Umweg und zeigte mir sein Dorf, das amerikanischer nicht hätte sein können und nach Monaten im New Yorker Trubel fast schon unwirklich wirkte. Das typische Bild: Häuschen auf großen Grundstücken, teils schon mit Weihnachtsbeleuchtung und riesigem aufblasbarem Santa Claus im Garten – und natürlich ganz viele große Autos.

Foodporn und Football – Thanksgiving wie im Film

Angekommen im Haus von Frank’s Eltern fühlte ich mich gleich so wohl, dass ich am liebsten für immer geblieben wäre. Mutter, Vater, Oma, Schwester und Cousine, alle empfingen mich herzlichst und als wir uns zum Tischgebet alle bei den Händen nahmen spürte ich ganz tief in mir, was Thanksgiving den Amerikanern bedeutet. Nach dem ausgiebigen Essen mit Truthahn, Stuffing, Mac&Cheese, verschiedenem Gemüse und unglaublich leckeren Süßkartoffeln in einer zimtigen Karamellsoße nahm mich Franks Dad dann mit in den Keller, wo er sich ein eigenes Kino eingerichtet hatte.

Nun hieß es „Bier und Football!“, schließlich spielten die Philadelphia Eagles, das Team des Hauses und Frank Senior konnte es nicht verantworten, mich gehen zu lassen, ohne mich mit der Ami-Sportart schlechthin vertraut gemacht zu haben. Er brüllte, wie mein eigener Vater es beim Fußball tut und schnell war ich emotional voll dabei – gut, dass ‚unsere’ Eagles ein grandioses Spiel hinlegten und die verhassten Dallas Cowboys in deren Stadion besiegten.

Mit zusätzlichem Cheesecake, Schokokuchen und natürlich Sweet Potato Pie als Ballast setzte ich mich irgendwann spätabends wieder in den Bus, döste zu entspannter Musik vor mich hin und war immer noch ganz beseelt, als ich nachts in mein Bett in Brooklyn fiel.

Black Friday – Shopping bis zum Umfallen

Weniger beseelt geht dann der nächste Tag im ganzen Land zu. Auf Thanksgiving folgt traditionell der Black Friday, an dem offiziell der Sale startet. Bereits Donnerstagmorgen sah ich Leute vor Best Buy campen, dem amerikanischen Pendant zu Media Markt. Mit Decken und dicker Kleidung versuchten sie, den Schneeflocken zu trotzen, um viele Stunden später als erste in den Laden zu stürmen und extrem rabattierte Fernseher oder was auch immer zu erbeuten.

Ich bin selbst kein großer Sale-Shopper, wollte mir das Spektakel dann aber am Freitag – nachdem ich gründlich ausgeschlafen hatte – doch einmal ansehen und lief nach einem Abstecher zu eben jenem Best Buy den Broadway entlang nach SoHo. Dort war die Hölle los, vor einigen Geschäften hatten sich Schlangen gebildet und wollte man etwas anprobieren, so musste man Geduld beweisen. Ich war vor Ernüchterung über das Angebot schon fast entschlossen, einfach wieder nach Hause zu fahren, als ich den Fehler machte, doch noch bei Ben Sherman vorbeizuschauen. Nun habe ich einen Anzug mehr und eine weitere fancy Krawatte ziert meine Sammlung – dem Black Friday fällt am Ende eben jeder zum Opfer!

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