Erzähl’ den Leuten mal, dass Du unter anderem einen Uni-Abschluss in Literatur hast und sie werden große Augen machen. Tatsächlich will ich keine Professorin werden, auch keine Lehrerin und Buchautorin auch nicht. Jedenfalls erst mal nicht. Was ich an Worten so aufregend und spannend finde? Ich glaube, dass wir in Büchern viel über die Welt lernen. Wie sie mal war, wie sie ist, wie sie sein kann. Menschen haben ihre Gedanken zu den Dingen schließlich schon immer aufgeschrieben. Die spannendsten Bücher der Saison sind für mich wie der Herbst selbst – ein wenig ungemütlich, aber dann doch unverzichtbar.

Trends von der Frankfurter Buchmesse

Indonesien war diesen Oktober Ehrengast auf der Buchmesse in Frankfurt. Den Bali-Urlaub kennt man mittlerweile ja. Aber wenn es um Lesestoff aus dem immerhin viertgrößten Land der Welt geht, dann ist es vorbei mit dem Wissen. Was wird dort geschrieben und gelesen? Autorinnen wie Ayu Utami, Laksmi Pamuntjak und Leila Chudori thematisieren unter anderem die dunkle Geschichte ihres Landes zu Zeiten des totalitären Suharto-Regimes und beschäftigen sich mit der Rolle der Frauen in einer immer noch sehr traditionsgeprägten Gesellschaft. Spannend ist auch, dass in Indonesien Lyrik eine viel größere Rolle spielt als bei uns. Gedichte sind in der oralen Tradition des Landes tief verankert, während Romane erst so langsam auf dem Vormarsch sind.

Drei Bücher der Saison, die ihr nicht verpassen solltet

  • „Winters Garten“ – Poetischer Abgesang

Niemand muss jetzt zum Gedichtband greifen, aber ein wenig poetisch darf es im Herbst schon sein. Die perfekte Wahl dafür ist Valerie Fritschs „Winters Garten“, ein Buch voller großartiger Sätze, die man zuhauf ein kringeln will. Die 26-jährige Österreicherin, die für ihren Roman mit zwei Preisen beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet worden ist, hat einen zauberhaften Abgesang auf ein zerfallendes Weltgeschehen geschrieben und all das in einer Sprache, die irgendwie aus der Zeit gefallen wirkt. Es ist die Geschichte von Anton Winter, der in einem Zaubergarten aufwächst, einem Idyll, das verloren geht, um dann als Vogelzüchter in der Stadt seine erste Liebe zu finden, während die Welt rundherum in Endzeitstimmung taumelt. Ein langsames Buch, aber niemals zäh, das bei mir Sehnsucht weckt nach Orten und Zeiten, an die ich nicht mehr zurückbekommen kann.

  • „Interessengebiet“ – Schwierig, aber wichtig

Endzeitstimmung liefert auch Martin Amis’ Roman. Dieses Mal aber nicht als reines Gedankenkonstrukt losgelöst von konkreter Zeit und Raum, sondern mit Blick auf unsere eigene Geschichte. Ich war ehrlich nicht sicher, ob ich Amis’ Buch besprechen sollte, haben bei Holocaust-Literatur doch viele das Gefühl, in der Schule schon kaum etwas anderes gelesen zu haben. Der Roman des Briten aber versucht etwas anderes und erzählt ein Stück deutscher Geschichte aus der Sicht dreier „Täter“ in Auschwitz. Die Ich-Perspektive bringt die Charaktere bedrohlich nahe und das ist natürlich auch, was man kritisch betrachten muss. Wer darf wie über den Holocaust schreiben? Darf den (fiktiven) Gedanken der Täter überhaupt Raum eingeräumt werden und wenn ja welcher? Kann man Sympathie empfinden oder bloß Ablehnung? Was ist ethisch korrekt? Das sind nur ein paar der Fragen, die so ein Romanexperiment aufwirft. Amis jedenfalls ergründet die vielfältigen Facetten der Niedertracht des Holocausts und die Wege wie Menschen hindurchfinden. Man selbst liest sich durch Schrecken und findet am Ende doch keine Antworten im ratlosen Ende von „Interessengebiet“. Aber etwas anderes bleibt wohl auch nicht.

  • „Gehen, ging, gegangen“ – Weil es unsere Zeit ist

Was tut man mit der Zeit, wenn man nichts mit ihr anfangen kann? Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, fragt sich das mit Bezug auf die Flüchtlinge, die am Berliner Oranienplatz ausharrten. Richard, ein Professor im Ruhestand, entschließt sich die Geflüchteten nach ihren Geschichten zu befragen und versucht so einen Einblick in eine Welt zu erhalten, in der der Alltag sich aufgelöst hat. Ein Buch, das im Zuge der aktuellen Flüchtlingsdebatte auch die Problematik des bürokratischen Parcours beleuchtet, den es zu durchlaufen gilt, wenn man als Asylbewerber Arbeit finden will. Hochaktuell und brisant also. Sicher bin ich mir bloß nicht bei der Tatsache, dass es nicht die Geflüchteten sind, die im Vordergrund stehen, sondern eben Richard, der Professor und Wohlstandsbürger und ich mich dann fragen muss, wie weit wir bereit sind zu sehen.

Habt ihr noch Lesetipps, die wir uns auf gar keinen Fall entgehen lassen dürfen?

Kommentare

Send this to a friend