Da Urlaub machen, wo die Zeit noch ein bisschen stillsteht

…und die Europäisierung der Innenstädte deutlicher langsamer vonstatten geht als anderswo? In eine andere Welt völlig eintauchen und abschalten und dabei doch beinahe vor der eigenen Haustür bleiben – das klingt verlockend und zu schön, um wahr zu sein?


Ist es aber nicht, denn der Comer See bietet genau das: mit seinen kleinen Städtchen, der beinahe magischen Landschaft und den vielen versteckten Villen, Gassen und Kleinigkeiten zum Verlieben.

Ausnahmsweise: Hier lohnt sich eine Führung!

Wer mich kennt weiß: ich bin so gar kein Fan von Führungen – sei es in Städten oder Museen oder Galerien – ich kann das einfach nicht brauchen, jemandem hinterherzudackeln, der redet und redet und redet…

Kürzlich am Comer See wurde ich dann allerdings eines Besseren belehrt und ich muss zugeben: eine qualifizierte und spezialisierte Reiseführerin kann sich durchaus lohnen, besonders in dieser Gegend, die von sagenumwobenen Orten nur so strotzt. Rund um den See herum stehen Villen en masse und beinahe jede Villa hat ihre ganz eigene Geschichte. Hier stehen „junge“ Villen, die etwa 300 Jahre alt sind gleich neben solchen, die schon da waren, als Amerika noch nicht entdeckt war. Hier steht Stilrichtung neben Stilrichtung, man könnte, wenn man wollte, eine echte Zeitreise durch die Architekturgeschichte unternehmen – muss man aber auch nicht.

Hier gibt’s für jeden Geschmack eine Geschichte

Dabei ist da ganz bestimmt für jeden Geschmack etwas und man muss wirklich kein Architekturfan sein, um sich hier faszinieren zu lassen. Selbst Hobbyidealisten mit morbidem Humor kommen bei einer solchen Führung total auf ihre Kosten – bei einer Bootstour erfahren wir beispielsweise, wo genau Mussolini erschossen wurde und wir können uns irgendwie ein kleines Lächeln alle nicht verkneifen. Vielleicht liegt es an den aktuell brennenden politischen Themen, dass wir uns so über den Gedanken an den Tod eines Diktators freuen können? Viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht, der See ist doch recht klein, das Boot ganz schön flott und das Ufer und damit die zahlreichen Anekdoten huschen zeitweise nur so an uns vorbei. Eins weiß ich auch bald: Promijäger bekommen hier leuchtende Augen, dann nämlich, wenn sie George Clooneys Anwesen entdecken und hören, dass auch Matt Damon hier oft gerne zu Gast ist oder erfahren, dass die besonders junge gelbe Villa Gionni Versace gehört.

Wer es mit realen Ereignissen und Menschen nicht so hat, der wird sich dafür über einen besonders zauberhaften Ort, der nur vom Wasser aus erreicht werden kann, freuen, und zwar an der Villa di Balbianello, die von ihrem letzten Eigentümer, dem Entdeckungsreisenden Guido Monzino,für die Zeit nach seinem Tod zum Museum erklärt wurde. Hier wurde unter anderem eine Episode von Star Wars gedreht und Passagen von 007-Filmen – der einzige Einsatz der zahlreichen Fluchtwege, die Monzino für den Notfall hatte einbauen lassen.

Ganz versteckt und ganz bestimmt nur mit jemand Ortskundigem auffindbar ist ein Miniaturwasserfall hinter einer kleinen römischen Steinbrücke, der Schauplatz eines Schwarzweißstummfilms von niemand Geringerem als Alfred Hitchcocks. „Pleasure Garden“ heißt das Werk und der Titel trifft die zauberhafte Kulisse allein schon oberflächlich betrachtet.

Kopf ausschalten: zur Entspannung geht’s auch ohne Denken

Last but not least kann man rund um den See herum aber auch einfach nur ganz wunderbar und uninformiert bummeln gehen. Kleine Lädchen, angenehm wenig bekannte Shopnamen und süße kopfsteinbepflasterte Gassen laden zum Schlendern ein. Immer wieder entdecke ich neue Ecken und Winkel, die nicht nur mein Fotografinnenherz höher schlagen lassen wie etwa diesen bezaubernden Aufgang zu einem Haus – und das mitten in der Stadt, in diesem Fall in Bellagio.

Ich fühle mich an meine Kindheit erinnert und denke, ich bin doch schon alt inzwischen, denn es hat sich doch tatsächlich Vieles verändert. Wie angenehm ist es da doch, einmal in Orten unterwegs zu sein, in denen einem kein H&M, kein Zara und wie sie alle heißen entgegenlacht, sondern lauter inhabergeführte Boutiquen, kleine Feinkostläden und natürlich auch die kuriosesten Trödellädchen, die etwa alte Porzellanpuppen und modische Accessoires in wilder Kombination anbieten.

Kunsthandwerkermärkte und allerlei vereinzelte Markstände laden in Como zum Stöbern ein. Wir können uns natürlich alle nicht nehmen lassen, hier auch etwas zu verkaufen und wir probieren uns munter ein wenig an den essbaren angebotenen Backwerken aus – mit Englisch kommt man hier teilweise nicht sonderlich weit, das macht die Kommunikation abenteuerlich, aber das Ausprobieren hiesiger Spezialitäten umso spannender.

einfach überallhin

Wenn man gerade nicht den Luxus eines privaten Boots hat, dann kommt man in die kleinen Orte wie Como, aus dem die letzten Impressionen stammen und wo es wirklich einiges zu entdecken gibt, auch ganz einfach mit der Fähre. Die ist ungefähr ein Zehntel von dem, was ich in meiner Heimat am Bodensee unter diesem Begriff kenne und nicht unbedingt etwas für Menschen, die sich auf dem Wasser unwohl fühlen. Ich genieße den Wind um die Nase und beobachte die Leute um mich herum. Ohne Tuchfühlung geht auf der kleinen Schaluppe nichts, dafür gibt es aber auch einen persönlichen Gruß von den Mitarbeitern und irgendwie fühle ich mich hier aufgehoben und aufgenommen.

Und eins kann man natürlich überall: essen, essen und essen… und dabei überbieten sich die Kulissen gegenseitig.

Egal, ob man also auf historische, architektonische oder fabelhafte Entdeckungstour gehen mag oder einfach nur in atemberaubender Kulisse lecker essen und ein bisschen herumschlendern: der Comer See ist eine Reise wert.

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