Idyllische Strände, bunte Wochenmärkte oder gottverlassene, zerklüftete Bergwelten: Ihr stimmt mir sicher alle zu, wenn ich sage, dass Travel-Fotografie wohl mit das aufregendste ist, was man sich auf Instagram & Co. so zu Gemüte führen kann. Doch trotz diverser Bildbearbeitungsapps ist bei weitem nicht jeder glücklich mit den Fotos, die er von seiner Reise mit nach Hause bringt. Das kann natürlich durch externe Faktoren wie das Wetter oder die Reiseplanung beeinflusst sein, doch häufig liegt es auch an kleinen Details, die der Fotograf selbst bestimmt. Wir sind zwar in der Regel schon ganz zufrieden mit dem Bildmaterial unserer Reisen, doch haben nun trotzdem mal bei einem absoluten Profi nachgefragt.

Jens Book war jüngst mit seiner Leica Q auf Kuba unterwegs und hat einige fotografische Schätze mitgebracht. Das Equipment dabei: relativ simpel. Klar, es war eine Leica im Spiel und manche stöhnen da gleich wieder auf. Aber auch die Leica macht nicht von alleine gute Fotos. Außerdem hatte Jens lediglich das 28mm Objektiv am Start – eine geringen Brennweite, wie ich sie selbst sehr häufig nutze und daher weiß, dass sie durch den Weitwinkel nicht für alle Motive ideal ist. Wir haben mit Jens gesprochen und haben hier die Erkenntnisse aus unserem Gespräch für euch zusammengefasst:

  1. Es gibt sie ja alle: Die Analog-Nazis, die Photoshop-Fetischisten und die Instagramer. Welche Philosophie vertrittst du beim Fotografieren? Wie viel Bearbeitung ist für dich okay und wo hört der Spaß auf?
    Ich liebe Vielfalt und Gestaltungsraum, welche man mit den verschiedensten „Apparaten aller Epochen“ und Programmen beeinflussen kann. Hardwaretechnisch bin ich eher digital unterwegs, liebe jedoch den Flair des Analogen. Klar spielt Photoshop bei meinen Arbeiten eine Rolle. Allerdings bestimmt hier die Dosis das Gift. Ich weiß eigentlich schon beim Fotografieren, wie das Bild am Ende aussehen wird. Ich fotografiere dann entweder direkt darauf hin (dann braucht es meist kaum oder gar keine Bearbeitung) oder habe das bearbeitete Endergebnis schon so im Kopf, wie es am Ende aussehen wird. Bilder, auf denen zum Beispiel jemand mittels Handy-Programm so bearbeitet und „überfiltert“ wurde, dass es am Ende nichts mehr mir der eigentlichen Person zu tun hat, finde ich eher verstörend als spaßig. 
  2. Vorbereitung oder Spontanität: Wie arbeitest du auf Reisen? Beschäftigst du dich im Vorfeld eingehend mit möglichen Bildmotiven, Locations et cetera? Oder lässt du dich einfach vor Ort treiben und inspirieren? Gerade wenn man mal weniger Zeit hat, kann das ja nach hinten losgehen und man steht mit eher dürftigem Bildmaterial da.
    Eine Mischung aus beidem: ich befasse mich im Vorfeld mit dem Ziel, das ich bereise. Und habe dementsprechend Motive im Kopf, die ich fotografieren möchte. Vor Ort lasse ich mich dann natürlich von den Situationen und Menschen vor Ort inspirieren und gehe mir dem „Flow“… Oft kommt es vor, dass ich das Motiv anvisiert habe und feststelle, dass da noch was geht. Dann heißt es kurz warten… und es kommt garantiert ein Mensch, ein Schwein, ein Pferd oder Hund um die Ecke und wird prompt mit eingebaut. 
  3. Arbeitest du immer mit der Leica Q? Mit welchem Equipment sonst? Mit welchen anderen Objektiven als dem 28mm?
    Die Leica Q hätte es fast nicht mit nach Kuba geschafft. Sie ist ja ziemlich neu und war damals sehr schwer zu bekommen beziehungsweise bereits ausverkauft. Ich hatte großes Glück, dass mir eine sehr nette Lady bei Leica persönlich geholfen hat… Nach meiner Anfrage dort stellte sich heraus, dass wir eine Leidenschaft teilen: sie war gerade erst von einer Kubareise zurück gekommen und mochte meinen Plan… und hat es dann sprichwörtlich in letzter Minute möglich gemacht, dass diese Fotos auf Kuba entstehen konnten – meine „Leila“ (ja, ich hab ihr einen Namen gegeben) erreichte mich per Express einen Tag vor Abflug! Für Porträtfotos arbeite ich bislang noch mit Hasselblad sowie der Canon 5D Mark III. 50 und 85 mm sind dabei meine Standard Objektive. Wenn ich nostalgisch werde, wird meine Polaroid 600SE aus dem Schrank und meine Trennfilme aus dem Kühlschrank geholt.
  4. Du machst tolle Fotos von Menschen. Unser Problem ist dabei immer: Wir trauen uns nicht, fremde Leute abzulichten. Wie machst du das? Gerade mit dem 28mm muss man ja schon sehr nah ran und bekommt kein Foto, ohne bemerkt zu werden. Wie machst du das? Fragst du die Leute vorher?
    Freut mich, wenn’s gefällt. Nah ran ist gar kein Ausdruck. Tatsächlich muss man bei 28 mm ja wirklich sehr nah ran. Das ist immer wieder eine Herausforderung und macht es ja so spannend. Teilweise fotografiere ich „aus der Hüfte“, teils entsteht aber eine Situation, eine  Verbindung, ein kurzer Talk… irgendetwas, das einem die Tür öffnet. Ich frage nicht immer explizit, würde aber nie eine Grenze überschreiten, wenn ich das Gefühl habe, derjenige möchte kein „Motiv“ sein. Bislang hat jeder, den ich fotografiert habe, sich hinterher über die Bilder gefreut und sich selber darauf gefallen – sogar bei schrägen Motiven.
  5. Hast du irgendwelche Lifehacks für Fotografen, die du selbst gern anwendest? Silberne Rettungsdecke aus dem Erste Hilfe Set als Reflektor missbrauchen oder ähnliches? Wendest du selbst irgendwelche Tricks an?
    Früher habe ich öfter mit Folien oder Flaschen vor der Linse gearbeitet… Heute kommt das kaum noch vor – da ist es höchstens mal das obligatorische Styropor im Studio… Auf Reisen wie dieser besteht allerdings der Reiz wirklich darin, einfach mit den gegebenen Motiven, Lichtbedingungen und natürlich einer guten Kamera zu arbeiten. 28mm ist eher ein Tipp als ein Trick: Da ich Personen selten in die Mitte des Bildes setze, bemerkt man durch den Weitwinkel oft nicht, dass man fotografiert wird. 
  6. Man hört ja regelmäßig, dass Kuba zum (Ein-)Reisen nicht das einfachste Land ist. Wie waren deine Erlebnisse, gerade als Fotograf? Hast du Tipps für Reisende, was das Visum angeht?
    Das kann ich so gar nicht bestätigen. Das war früher mal so, aber heute wird das alles gelockert… Einfacher kann man nicht reisen. Man holt sich einfach die Touristenkarte (gibt es am Flughafen) für 30 Euro und eine Auslandsversicherung und los geht’s… Ein Visum benötigt man nur für Aufenthalte über 30 Tage. Kuba öffnet sich auf der einen Seite zur Zeit stark dem Tourismus. Auf der anderen Seite ist es immer noch eine sozialistische Republik. Kein mobiles Internet, kaum Wlan Hotspots. Perfekt zum Runterkommen und Abschalten. Staatliche Behörden wie Polizei und Militär fotografiert man lieber nicht. Sonst darf man sich gern austoben. 
  7. Verrate uns deine Favorites: Der schönste Ort auf Kuba? Das beste Hotel? Wo gibt es das beste Essen? Wo sollte man unbedingt einen Cuba Libre oder Mojito trinken?
    Kuba kann nicht auf einen schönsten Ort reduziert werden. Der Charme Havannas, die Täler von Viñales, das Kopfsteinpflaster Trinidad’s, und vieles mehr… Hotels kann ich nicht empfehlen, da ich in keinem war. Wer das echte Kuba erleben möchte, dem kann ich nur die Unterkunft in privat geführten „Casas Particulares“ empfehlen. Darin wohnt man bei Locals, bekommt dadurch viel mehr von Land und Leuten mit – und vielleicht sogar das eine oder andere Motiv vor die Linse. Ob nun Kopf an Kopf mit Tierställen oder in Villen aus den 40’er Jahren. Das war für mich einprägsamer als das Schlafen in Hotels. Cocktails schmecken übrigens an jeder Ecke anders. Und sind nicht mit denen zu vergleichen, die wir hier bekommen. Zumindest, was die Menge der Limetten angeht. Bei uns landet viel zu viel Limette im Cocktail… Was das Essen angeht, kann ich den Reiseführer von Lonely Planet empfehlen. Er hat sich in den meisten Fällen bewährt. Denn auch beim Essen kann man sonst so manches Abenteuer erleben.
  8. Was sollte man auf Kuba unbedingt erleben und probieren?
    Ein Ausritt in Viñales zu den Tabakfeldern und -bauern. Vor allem, wenn man wie ich nicht reiten kann. Und anschließend mit dem Rad (kann an sich schon ein Abenteuer sein) die unfassbar schöne Landschaft erkunden. Das Ganze an zwei Tagen in Folge zu machen, kann allerdings zu anschließenden Problemen beim Sitzen führen – falls Ihr wisst, was ich meine… In Cienfuegos gibt es tolle Galerien mit interessanten Bildern – sowohl die, die ausgestellt werden als auch die, die einem die Kubaner vor die Linse bringen. 
  9. Was sollte man lieber von zu Hause mitnehmen?
    Alles was die Körperhygiene angeht. Das ist auf Kuba Mangelware. Moskitospray. Auf jeden Fall genug Speicherkarten und gegebenenfalls Ersatz-Akkus. Handy mit GPS und Offline Maps. Kohletabletten & Co.: ganz wichtig! 
  10. Gibt es sonst etwas, das du uns zu Kuba unbedingt mitteilen möchtest?
    Kuba ist eines der ärmsten Länder, das ich besucht habe. Was jedoch die Lebensfreude der Kubaner angeht… Einzigartig! Und in 3 Wochen habe ich niemanden fluchen gehört, keine Aggressionen erlebt, keine vor Wut hupenden Autofahrer entdeckt. Hupen jedoch gehört anscheinend zur kubanischen Autokultur. Es scheint ein bestimmtes System zu geben, welches ich nicht durchschaut habe- in jeder Situation, die irgendwie gefährlich werden könnte, wird gewarnt. Vielleicht wird aber auch einfach bei jeder Situation gehupt…

Danke an dich, Jens, für deine Antworten! Mehr zu Jens Book gibt es hier für euch.

Copyright der Bilder: Jens Book.

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