Falscher Hase, Kalter Hund, Mandora und Aubi. All das stand zuletzt auf der Karte beim Mittagessen und klang gar nicht nach dem Gesicht, das die Hauptstadt sonst so präsentiert: Berlin, Hipster-Town. Arty People in Neukölln – Wedding oder Moabit ist das neue große Ding – Szenebars mit Möbeln vom Flohmarkt und Craftbeer, Cafés mit Superdetox-Smoothies und Matcha-Wakeup-Note in der Acai-Chia-Bowl. Bei all der Coolness und Speisekarten voller wundersamer Wortaneinanderreihungen, die zwar irgendwie lecker klingen, aber bei denen eigentlich niemand so richtig weiß, was sich hinter den prächtigen Wortkonstrukten verbirgt, vergisst es sich manchmal leicht, dass es auch ganz andere Orte in dieser Stadt gibt. Orte der Bodenständigkeit, die gar nicht versuchen cool zu sein und dabei das Herz erwärmen. Orte, die schon da waren, bevor wir anderen kamen und die vielleicht auch ein Stück echte Geschichte erzählen. Ich lebe jetzt seit drei Jahren hier und damit ganz und gar nicht lange genug, um mich auch nur im Ansatz als Berlinerin zu bezeichnen. Daher ist es auch immer noch so, dass wenn ich an Heimat und Essen denke, süddeutsche Mauldäschle, Spätzle, Knöpfle und all die anderen Gerichte auftauchen, an die wir dort so gerne ein „-le“ hängen. Und trotzdem liegen hinter mir drei Jahre im ehemals ostdeutschen Teil Berlins, unzählige Wege über die Karl-Marx-Allee, vom Alexanderplatz zum Frankfurter Tor, gesäumt von den „Arbeiterpalästen“, die die Stärke der DDR zeigen sollten. Während man über die Lebendigkeit des Geschichtsunterrichts streiten kann – hier um mich herum sind sie, die Spuren deutsch-deutscher Geschichte. Für eine neue Runde Eatding war deshalb eine kulinarische Zeitreise fällig, um herauszufinden, was die ostdeutsche Küche zu bieten hat.

Die Suche nach einem geeigneten Restaurant fand ich gar nicht so einfach. Nicht, dass es nichts geben würde. Was ich aber nur ungern wollte für diesen Versuch, war ein Museumslokal oder ein reiner Touri-Place, vor dem Busse stehen und ständig Kameras blitzen. Ich habe mich also an den Osten der Stadt gehalten und in der Nähe des Ostbahnhofs die „Volkskammer“ gefunden, die mit der Atmosphäre Ostberlins in den 70er und 80er Jahren wirbt. Na, dann!

Was einen in der Volkskammer erwartet

Wer die Tür der „Volkskammer“ betritt, tritt gleichzeitig in eine andere Welt. Maßstäbe wie „cool“ oder „edgy“ gelten hier nicht, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne, aber das will hier auch niemand sein, glaube ich. Von außen sieht es nicht ganz so einladend aus, sobald man durch die symbolisch roten Vorhänge geschlüpft ist, gibt einem aber die komplette Einrichtung das Gefühl, in eine der Fotografien gefallen zu sein, die heute als Relikte einer anderen Zeit übrig geblieben sind. Noch mehr Rot, ein Honecker Porträt an der Wand, DDR Salz-und Pfefferstreuer auf den Tischen, hier fehlt es wohl an nichts, wenn man denn mal das Wort „Ostalgie“ bemühen darf. Aber – und das finde ich wichtig – es fühlt sich nicht aufgesetzt oder hindekoriert an, nicht wie ein Retro-Theater-Stück, sondern herrlich unaufgeregt.

Warum man hierher kommen sollte

Ich bin nicht in der DDR aufgewachsen, deswegen gab es für mich während dieses Mittagessens einiges zu entdecken. Im Glas hatte ich statt einer Fanta eine Mandora, zum Dessert einen Kalten Hund und was bitte ist ein Falscher Hase zum Hauptgang? Für mich war es eine kleine Abenteuerreise, denn vieles kannte ich so bis dato nur vom Hören-Sagen oder gar nicht. Wir haben uns durch die Karte gegessen: zur Vorspeise ein Shopska-Salat, der auch in Osteuropa serviert wird, eine Ketwurst – die ostdeutsche Variante des Hotdogs – deftiges Eisbein mit Erbsenpüree und den damals beliebten Kindergeburtstagskuchen, Kalten Hund, zum Dessert. Aus gastronomischer Sicht sollte man jetzt keine Superlative oder herausragenden Finessen erwarten, die Küche ist dafür bodenständig und gehaltvoll. Für mich ist die „Volkskammer“ eher ein Gesamterlebnis gewesen, eine Zeitreise mit Staunen und Lachern, als sich herausstellte, dass „Aubi“ für alkoholfreies (Autofahrer-)Bier steht, ahh ja.

Was man unbedingt probieren sollte

Ich mochte den Kalten Hund sehr! Das Dessert aus Schokolade und Keks war zwar mächtig, aber auch richtig lecker und vor allen Dingen nicht zu süß. Darauf stehe ich nämlich tatsächlich gar nicht. Gewöhnungsbedürftig fand ich, dass die Ketwurst – das Hotdog – mit einer Art Tomatensoße serviert wird. Liegt vielleicht daran, dass amerikanisches Ketchup in der sozialistischen DDR nicht gerne gesehen war. Vorsicht gilt beim Jägerschnitzel, denn in der DDR bedeutete das: panierte Jagdwurst in Tomatensoße. Es soll da schon die ein oder andere Enttäuschung gegeben haben – ich habe euch gewarnt!

Wann man vorbeischauen sollte

Grundsätzlich geht das immer. Die „Volkskammer hat täglich ab 11 Uhr geöffnet. Wir waren Samstags für ein Mittagessen da und haben sehr gut einen Platz bekommen. Wahrscheinlich lohnt sich am Wochenende aber eine Reservierung, wenn man auf Nummer sicher gehen will.

Ob in der Volkskammer auch Vegetarier und Veganer glücklich werden

Eher schwierig. Klar, einige Salate gibt es auch in der fleischlosen Variante. Ansonsten ist die Karte tatsächlich sehr fleischlastig und eine extra Vegetarier-Karte habe ich nicht gesehen, von vegan dann mal gar nicht zu sprechen.

Wo ihr in Berlin hinmüsst

Volkskammer
Straße der Pariser Kommune 18b
10243 Berlin
030 20687549

Öffnungszeiten
täglich ab 11 Uhr

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