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Wer kennt sie nicht, die 360° Kamerafahrten, in denen der Held des Films im Mittelpunkt steht. Mittlerweile ist dieses stilistische Element fast schon obligatorisch und wird (zu) oft eingesetzt. Aber man muss auch zugeben, dass die Szenen so besonders dramatisch wirken und der Held einem Fels in der Brandung gleicht und Stärke ausstrahlt. Im Allgemeinen erreicht man dadurch eine dynamische zugleich aber auch statische Szene. Michael Ballhaus war einer der ersten Kameramänner, der den 360°-Schwenk einsetzte („Martha“ 1974). Im Mittelpunkt standen keineswegs Superhelden, sondern ein Liebespaar. Im neuen Preview-Video  „The Creation“  des Künstlers Andreas Neumann steht ebenfalls ein Liebespaar.

In zehn Szenen wird eine Liebesgeschichte erzählt, die einige Anspielungen an die Schöpfungsgeschichte beinhaltet. Der männliche und die weibliche Darstellerin verlieben sich, genießen ein gemeinsames Bad, eine vermeintliche Schlange in Form eines Duschkopfes verführt die Frau, sie trennen sich und finden sich wieder.

100 Lochbildkameras

Aber das sieht alles so unscharf und unperfekt aus. Hat er das mit seinem alten Nokia aufgenommen? Wir sind doch im Jahr 2017.  Nein, das Ganze wurde äußerst aufwendig inszeniert und hatte gar nicht den Anspruch scharf und „perfekt“ auszusehen. Dolly oder Drohne mit einer hochauflösenden Optik? Fehlanzeige. Ganze 100 Lochbildkameras wurden kreisförmig um das Zentrum aufgebaut, anschließend wurden die Einzelbilder zu einem Film zusammengesetzt und imitieren so die Kamerafahrt. Der Unterschied zu einer Filmkamera ist jedoch, dass man hier 100 Blickwinkel des selben Moments einfängt, denn die Lochbildkameras machen nur ein Foto und zwar sobald das Licht an geht. Die Vorbereitung und das Einlegen des Films müssen in absoluter Dunkelheit stattfinden. Das Video erinnert auch an eine 360° Ansicht von Produkten auf Herstellerwebseiten. Man kann sich ein Bild aus vielen Blickwinkeln machen und das Produkt, oder in diesem Fall die Szene, betrachten. Kreativität und Handarbeit waren hier maßgebend. Ich finde das Ergebnis ist faszinierend. Besonders die Szene der „Erkenntnis“ mit den vielen Seifenblasen hat es mir angetan. Sie wirkt sehr dreidimensional. Mir gefällt, dass mit simpler Technik ein besonderes Video erstellt wurde. Es braucht keine ultra-hochauflösende-360°-Panorama-4D Kamera mit 100 Megapixeln. Man wird in eine magische Welt mitgenommen, ganz ohne die Verwendung von Animation oder CGI, der verwendete Schwarzweißfilm tut sein Übriges dazu.

Ein neues Bad

Auf den ersten Blick erkennt man gar nicht, dass es ein Werbefilm ist. Die Produkte der neuen Badserie „Keramag Acanto“ von Geberit spielen nur Nebenrollen. Wie die Badewanne oder der Raumtrenner, der das Paar voneinander trennt. Wer hinter die Kulisse schauen und genauer wissen möchte, wie das Video technisch umgesetzt wurde, der sollte sich auch das Making-Of anschauen. Ich habe mich gefragt, wie man von 100 einfachen Lochbildkameras, ohne jegliche Elektronik, gleichzeitig den Verschluss öffnet und wieder schließt, jetzt weiß ich es.

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