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Alles kracht in den Fugen und schwankt. Die Luft erzittert vor Vergleichen, als sich die Wolkendecke über den British Virgin Islands öffnet und den Blick auf das Meer und die unter uns liegenden Inseln freigibt. Die Motoren dröhnen. Als die kleine Propellermaschine zum Landeflug ansetzt, zacken die Wolken in der Ferne weiße Gebirgsketten aus dem Himmel.

Zum ersten Mal werde ich die Karibik sehen, jene Region im tropischen Teil des Atlantischen Ozeans, in der im 18. Jahrhundert das goldene Zeitalter der Piraterie entstand und verging und die heute zweifelsohne nicht nur zu den Traumzielen eines jeden Urlaubers gehört, sondern auch zu einem der großen Segel-Hotspots der Welt geworden ist.

Insgesamt umfassen die British Virgin Islands mehr als 60 Inseln und Riffs am nördlichen Ende des Inselbogens der kleinen Antillen – die im Deutschen auch beinahe poetisch die Inseln über dem Winde genannt werden: Der Nordost-Passatwind sorgt für das typische feucht-warme, angenehme Klima.

Once In A Lifetime – Segeln auf den British Virgin Islands

Von Frankfurt fliegen wir per Direktflug nach Puerto Rico. Für die letzten knapp 100 Kilometer von dort haben wir die kleine Propellermaschine der Fly BVI gechartert. Ein Taxi bringt uns vom Flughafen der British Virgin Islands auf Beef Island zur Marina, von wo unser einwöchiger Segeltörn startet. Der plötzliche Übergang aus dem klimatisierten Wagen trifft uns wie ein Schlag. Es ist Abend, die Boote liegen ruhig in einem Licht aus Dunst und Hitze vor uns.

Auf den British Virgin Islands findet man perfekte Bedingungen und wunderschöne Natur. Auch die Nähe zu den Vereinigten Staaten trägt dazu bei, dass hier viele amerikanische Boote liegen. Zudem hat in den letzten acht Jahren während der Hurricane-Saison kein Sturm mehr die Inseln getroffen.

Der französische Katamaran, ein Lagoon 52 F von Dream Yacht Charter, auf den wir unsere Taschen verladen, ist eine Schönheit. Vor einigen Jahre noch lagen in den Marinas fast ausschließlich sogenannte Monohulls, also Segelboote mit nur einem Rumpf. Heute ist es genau andersherum. Das liegt hauptsächlich am zusätzlichen Komfort, den die Katamarane bieten: Für denselben Platz an Deck und in den Kabinen muss ein Monohull-Segelboot viel länger sein. Auf dem Lagoon 52 F ist Platz für bis zu 12 Leute in 6 Kabinen. Außerdem krängen Katamarane nicht, sie haben beim Segeln so gut wie keine Schräglage. Das ist ziemlich praktisch beim Kochen, Essen und Schlafen. Geschirr, Kamera, Handy, Tablet & Co. bleiben in aller Regel, wo sie hingehören. Wir beziehen unsere Kajüten und verbringen die erste Nacht im Hafen.

Am nächsten Morgen brechen wir von Tortola nach Cooper Island auf. Fiona O’Connor ist unsere Kapitänin für die nächsten sechs Tage. Ihr Name verrät ihre irischen Wurzeln. Seit über zehn Jahren ist sie schon auf den British Virgin Islands. Als sie als Jugendliche beschloss, zur See zu fahren, wurde sie noch belächelt, als sie die ersten Male die großen Boote in den Hafen fuhr, applaudierten die Menschen an Land. Zu dieser Zeit segelten nur sehr wenige Frauen. Verstanden hatte sie das nicht, als junges Mädchen, erzählt sie uns später und davon, wie sie sich in den Kopf gesetzt hatte, auch einmal die großen Segelschiffe zu steuern. Heute gehört sie zu den erfahrensten Skippern auf den Inseln.

The Baths im Devil’s Bay National Park

Am Abend ankern wir in der Bucht vor Spanish Town auf Virgin Gorda, um am nächsten Tag den Devil’s Bay National Park und The Baths anzusehen. An Seilen und über Holztreppen klettert man dort durch weit verzweigte Felsformationen. Das einfallende Licht und die Reflektionen der Felsen tauchen das Wasser in ein schillerndes Mosaik aus Farben. Als die Felsen den Blick auf die Strände der Devil’s Bay freigeben, denke ich unweigerlich an die Definition des italienischen Malers Angelo Carlotti: Schönheit sei die Summe der Teile, bei deren Anordnung die Notwendigkeit entfällt, etwas hinzuzufügen, zu entfernen oder zu ändern. So ist es hier.

Einzig, der Ort ist kein Geheimtipp mehr. Heidi Klum hat hier schon zweimal ihre Bademodenkollektion fotografiert. Auf dem Weg zurück begegnen uns viele Besucher und auf den schmalen Treppen müssen wir warten, bis die nächste Menschengruppe vorüber gezogen ist.

Unsere Reise führt uns in den nächsten Tagen von Virgin Gorda weiter nach Angegada und schließlich zurück nach Tortola, wo unser Segeltörn begonnen hat. Ich steuere das Boot. Fiona erzählt von den Atlantiküberquerungen, von 27 Tagen auf dem Meer, an denen sich die Wellen wie Berge bis zu 15 Meter hoch türmen, wie der Katamaran mit nicht einmal 6 Knoten die Welle hinaufklettert, um dann mit 15 Knoten wieder hinab zu segeln, von den Sonnenaufgängen am Horizont, von Delphinen, die das Boot für eine Weile begleiten, von der Geduld und von ihrer größten Angst: von den von Frachtern gefallenen Containern, die kaum unter der Wasseroberfläche hervor schauen. Davon, dass eine Kollision mit einem solchen Container nichts anderes bedeutet, als das man sinkt. Wie ein Stein in die tiefe Flut, in eine Wiege ohne Wiederkehr.

Als ich später an der Bugspitze sitze und der Katamaran und ich von den Wellen auf und ab getragen werden, habe ich tatsächlich Rod Stewards ‚Sailing‘ im Ohr.


Wir danken dem BVI Tourist Board für die Einladung und Organisation der Reise.

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