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„Football for Friendship – I´m changing the world“. An diesem Morgen glänzten die golden Kuppeln von St. Petersburg besonders schön im Sonnenlicht.

Als ich die Fenstervorhänge meines Hotelzimmers zur Seite schob, kniff ich die Augen zusammen – so grell strahlten sie über die Dächer der Stadt. Sie sahen fast so aus, als wäre Jogi Löw, der Bundestrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft, gemeinsam mit seinem argentinischen, etwas in die Jahre gekommenen Kumpel Diego Maradona höchstpersönlich auf die Kirchtürme dieser wunderschönen 5 Millionen Einwohner zählenden Stadt gerutscht und hätte die güldenen Zwiebeltürme abgefeudelt.

Es ist Sonntag, der 2. Juli 2017 und es sollte ein erfolgreicher Tag für den deutschen Fußball werden. Dies erfuhr ich aber erst Stunden später.

Ich schwelgte in meinen morgendlichen Gedanken, trank beim Frühstück einen wirklich furchtbaren russischen Kaffee und ließ die letzten beiden Tage in dieser russischen Metropole Revue passieren.

St. Petersburg ist abartig hässlich!

Aber nur in den Außenbezirken! Dort reihen sich die Zeugen des jahrzehntelangen, unkreativen, sozialistischen Wohnungsbaus, im Volksmund auch liebevoll „Arbeiterschließfächer“ genannt, aneinander.

Mein Hotel am Ostende des finnischen Golfs ist genauso wenig eine Schönheit und lässt meine Hoffnung auf schöne Bilder verblassen.

Nach längeren Diskussionen mit Piraten, verkleidet als Taxifahrer, mache ich mich in den Stadtkern der im Nordwesten Russlands gelegenen 5-Millionen-Metropole auf. Wir fahren mit 100 km/h über die Newa, den großen Fluss, der durch die zweitgrößte Stadt Russlands fließt.

Sergej, mein Taxifahrer und frühere Offizier bei der russischen Armee in Ost-Berlin, erklärt mir lachend, dass die Geschwindigkeit der Polizei egal ist. „Polizei schließen Augen“, erklärt er im gebrochenem Deutsch und zuckt mit den Schultern. Ich antworte in ebenso gebrochenen Russisch, zucke auch mit den Schultern und weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass der Taxipreis sich maßgeblich durch die Entfernung und zum anderen durch die Geschwindigkeit errechnet. Zeit ist Geld. Auch bei Sergej.

Während der Fahrt erzählt er mir, dass die Stadt 1703 von Peter dem Großen gegründet wurde, damit Russland Zugang zur Ostsee hat. Bei diesem Satz flitzt mein Taxi über eine weitere Brücke und mein Taxistadtführer deutet gen Hafen. Wir passieren gerade den wichtigsten Ostseehafen Russlands.

Über 200 Jahre hieß die Stadt Petrograd. Dieser Name kommt aber nicht von Zaren Peter, sondern vom Apostel Simon Petrus. 1924 bis 1991 wurde die Stadt zu Ehren von Lenin, dem großen Gründer der Sowjetunion in Leningrad umbenannt.

Das Ding mit der Sowjetunion konnten die Russen auch irgendwann vergessen und schwups hieß das Städtle St. Petersburg. Eine Stadt mit drei Namen – da kann selbst Karl-Marx-Stadt, Verzeihung Chemnitz, nicht mithalten.
Im Gegensatz zu Chemnitz hat St. Petersburg 2.300 Paläste, Prunkbauten und Schlösser, die ich nun wirklich nicht alle anschauen kann.

Wieso nicht?

Ich habe einen Termin: mit den Kids von Football für Friendship.

Football for Friendship

Raus aus dem Taxi, rein in Stadion – kurz mit den beiden Maskottchen der WM 2018 abklatschen (soviel Zeit muss sein) und schon stehe ich vor Johann und Dima, den beiden Jungs aus Deutschland, die am internationale Sozialprogramm für Kinder „Football for Friendship“ teilnehmen, welches seit 2013 von der PAO Gazprom veranstaltet wird.

Football for Friendship“ bringt Kinder aus 64 Nationen, verschiedener Geschlechter und physischer Möglichkeiten zusammen. Freundschaft, Friede und Gleichheit sind die Schlüsselwerte, für die sich die Teilnehmer einsetzen.

Ziel des Programms ist die Entwicklung des Kinderfußballs als Erziehung zu Toleranz und Achtung gegenüber anderen Kulturen und Nationalitäten für Kinder aus verschiedenen Ländern. Soweit so gut.

Ich frage Dima, den jungen Journalisten und Johann, den jungen Kicker, was die zentralen Werte der Veranstaltung sind und beide zählen abwechseln auf: Freundschaft, Gleichheit, Fairness, Gesundheit, Frieden, Hingabe, Erfolg, Traditionen und Ehre.

Tolles Ding, denke ich mir – alle positiven Werte in einen Topf gepackt, umrühren, kurz aufkochen lassen und fertig ist die internationale Freundschafts-Suppe. Das dies mehr als dahin gesagte Phrasen sind, sollte ich noch erfahren.

Die Teilnehmer der Fußballveranstaltung können unterschiedlicher kaum sein: Der Junge aus Indien spielt daheim barfuß mit seinen Freunden mitten im Müll eines Hinterhofes. Für ihn wird diese Reise in die viertgrößte Stadt Europas wohl die einzige seines Lebens sein – es ist das Ereignis in seinem Leben! Er wird seinen Enkeln noch davon berichten, wie er mit den Jungs und Mädels aus Europa, Afrika und Amerika ein Fußballtunier in einem fernen Land gespielt hat.

Ich erfahre von Jungs, die nach dem Training auf dem Fußballplatz, den kompletten Abend unter der Dusche des Hotels standen, weil sie noch nie fließendes bzw. warmes Wasser gesehen haben.

Auf der anderen Seite stehen Jungs wie Johann, der in der Knappenschmiede von Schalke 04 groß geworden sind, hervorragend den Ball durchs Mittelfeld dirigieren, der Kopf des violetten Teams ist. Er kommt aus ganz anderen Verhältnissen, aber die Herkunft der Kinder ist auf diesem Platz im regnerischen und mit Verlaub saukalten St. Petersburg egal.

Sie sind eine Mannschaft, trainieren zusammen, verständigen sich mit Englisch, Händen und Füßen, lachen zusammen, gewinnen und verlieren gemeinsam. Das liebe ich an Kids. Sie gehen so unvoreingenommen an alles heran und kennen nur Freunde. Politik, Kriege, Profit, Geltungssucht – das alles sind Fremdwörter.

Der zwölfjährige Johann steht mit seinem Team im Finale und beim Anpfiff sind mir die Prominenten, wie Alexander Kerzhakov, russischer Rekordtorschütze, die wie Vorzeigemarionetten durch das Stadion getrieben werden, völlig egal. Ich will die Kids spielen sehen, will ihren Spaß am Spiel spüren.

Ich werde nicht enttäuscht.

Johann, als „Profi“ ist sich für keine Drecksarbeit auf dem Platz zu schade und die schönste Geste ist, als er einem Jungen, der am Boden liegt, die Hand reicht und sich um ihn kümmert.

Erste gegen dritte Welt und die erste Welt reicht die helfende Hand – symbolisch. Wenn es doch immer so einfach wäre, wie hier auf diesem Fußballplatz.

Über all das wird Dima, der andere Junge aus Deutschland in der täglich erscheinenden Fußballzeitschrift, die ich jeden Morgen druckfrisch zu meinem furchtbaren Kaffee lese, schreiben. Dies ist der andere Teil von „Football for Friendship“ – Förderung junger Journalisten – ihnen einen Einblick in das Leben der Presse geben.

Dima und seine Journalisten-Crew aus verschiedenen Nationen wird schreiben, dass Johann mit seinem Team mit etwas Pech das Finale 3 : 4 gegen das orangene Team verloren hat.

Aber irgendwie ist bei diesem Turnier jeder ein Gewinner. Sogar ich. Ich habe wieder einmal einen neuen Blick auf das Leben bekommen, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind, als Geld, Ruhm und das Gewinnen.

Freundschaft und Miteinander sind soviel wichtiger im Leben. Genau wie die Kids nehme auch ich neue Freunde mit nach Hause: Viele Grüße an Esben aus Dänemark, Ingrid und Cédric aus Belgien, Gloria aus Ghana und Mert von Whudat, Jens von Sport1 aus Deutschland.

Das Finale

Gegen Abend glänzen die Kuppeln der Kirchen in St. Petersburg noch schöner im Abendlicht der blauen Stunde. Der Morgen versprach schon, dass es ein besonderer Tag werden sollte. Die Arbeit von Jogi und Diego mit dem Putzfeudel hat sich gelohnt.


Dank meiner lautstarken Unterstützung, als gefühlter einziger Deutschlandfan im nigelnagelneuen Stadion von Zenit St. Petersburg gewinnt Jogi und unser Team am Abend das Finale des Konfederationscups 2017. Was viel wichtiger ist: Die Augen der Kids, die unweit von mir in diesem riesigen Stadion sitzen, leuchten vor Begeisterung für den Sport.

Meine Reise nach Russland ist perfekt – Earth is a ball. Football drives the planet.

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