Eine falsch gemerkte Uhrzeit (ja, man kann bei so vielen Terminen auch mal durcheinander kommen…) hat Mia und mir am Dienstag Abend ein kleines Zeitfenster zum Spazieren und Fotografieren in Berliner Hinterhöfen und Abendsonne beschert, bevor sich zur Abwechslung mal nicht im großen Zelt die Pforten zur nächsten Schau öffneten, sondern eine düstere Tür in Berlins Mitte.

Geladen hatte Patrick Mohr in die – meiner Meinung nach – herrliche Kulisse des ein wenig herunter gekommenen, ehemaligen Kaufhaus Jandorf. Kalter Beton, bröckelnde Wände, düstere Gänge, keine Bestuhlung, kein Laufsteg. Patrick Mohr, der seit 2008 sein eigenes Label führt, hat auch dieses Mal auf die klassischen Konventionen verzichtet.

Die Models stehen auf Blöcken im Raum verteilt, die Show wird irgendwie mehr zum Spektakel statt zur Kollektionspräsentation. Die Menschen, die an diesem Abend gekommen sind, bilden kleine Pulks um einzelne Models, immer wieder tritt jemand auf eine der langen Schleppen, Kameras werden ganz nah vor Gesichter gehalten, der ein oder andere posiert gleich mit und lässt sich abfotografieren – ganz im Stile dieser Freizeitparkbilder neben Maskotchen. Die Atmosphäre ist befremdlich an diesem Abend. Nachdem wir das Geschehen eine Weile von der Empore betrachtet haben, wagen auch wir uns ins Getümmel.

Die Kollektion selbst ist eigen, und Mohr-typisch avantgardistisch: Schwarz, Weiß und vereinzelte Farbakzente prägen das Bild. Die Kleider sind oft bodenlang, die Schnitte bei genauem Hinsehen mit raffinierten Details versehen, manche Stücke sind mit dem stilisierten Konterfei des Designers bedruckt. Die Gesichter der Models sind mit farbigen Dreiecken bemalt und mit Bartflaum beklebt. Wir fühlen uns mehr in einer Kunstperformance gelandet.

Patrick Mohr SS 2014 Kollektion „HUMAN“

Die Grenzen verschwimmen an diesem Abend, vor allem bei der Auswahl der Models – wer ist hier Mann, wer Frau, wer gesund, wer krank?  Einer der Männer leidet am Down-Syndrom, die charmante Nina Wortmann sitzt im Rollstuhl. Zwischendrin bekannte Gesichter: Rummelsnuff steht stolz in der Reihe und ein Blick weiter entdecken wir Transgender Balian Buschbaum, früher Stabhochspringerin Yvonne Buschbaum. Aber auch die Topmodels Katrin Thormann und Franzi Mueller finden wir in der Show wieder. Die Kollektion trägt den Titel „HUMAN“ und soll die Gleichheit in uns allen betonen.

Wenn man den Kontext im Blick behält, regt die Show vielleicht tatsächlich zum Denken an über gesellschaftliche Konventionen, Mechanismen der Ausgrenzung und bestehende Grenzen in unseren Köpfen. Ohne diesen Hintergrund aber war der Abend fast schon ein wenig zu sehr Spektakel.

 

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