Ich habe euch schon mehrmals von Mine vorgeschwärmt. Und das, ehrlich gesagt, ohne sie jemals live gesehen zu haben. Durch Videos, Konzert-Mitschnitte und ihre Worte, die manchmal ganz tief ins Herz und in den Bauch treffen, fühlte es sich trotzdem fast so an. Zum Abschluss ihrer kleinen Mai-Tour habe ich sie am Freitag in Wiesbaden endlich persönlich getroffen – für ein Interview und einen Abend voller zauberhafter Klänge.

Ihre Stimme hängt irgendwo zwischen Popdiva, Soulqueen und zerbrechlicher Chanteuse. Etwas Jazz vielleicht, viel Akustik. Ihre Texte sind selten leicht, meist etwas schwermütig sogar, auf jeden Fall gehen sie tief rein in den Kopf und bleiben da auch. Mine selbst ist bei unserem Treffen im Wiesbadener Schlachthof gut gelaunt und voller Vorfreude. Ein bisschen aufgeregt sei sie immer noch vor jedem Konzert, erzählt sie. Aber das sei meist vorbei, sobald sie auf der Bühne steht.

Seit unserem letzten Interview, das wir per Mail gemacht haben, ist einiges passiert. Am Anfang hast du noch alles alleine gemacht, mittlerweile hast du ein offizielles Management und eine Agentur, die dir Vermarktung und Booking abnehmen. Wie leicht ist es für dich, solche Dinge abzugeben?

Zuerst fiel es mir sehr schwer alles aus der Hand zu geben, weil ich halt schon ein kleiner Kontrollfreak bin. Aber ich habe auch gemerkt dass ich diesen Schritt gehen muss, weil ich sonst zu viel zu tun habe um noch kreativ zu sein. Wenn man den ganzen Tag über dem Booking sitzt, dann bekommt man keine neuen Ideen. Ich muss auch auf Konzerte gehen, ich muss auch konsumieren, sonst hab ich kein Output. So viel hat sich auch gar nicht geändert, außer dass es immer angenehmer wird – weil ich mehr Zeit habe und nur einzelne Aufgabenbereiche selbst übernehmen muss. Mittlerweile haben wir uns auch alle eingegrooved, und ich komme seitdem viel mehr zum Schreiben.

Du hast dir letztes Jahr mit einem großen Popkonzert mit Kammerorchester einen riesigen Traum erfüllt, das Projekt wurde gecrowdfundet und war ein echtes Herzstück. Wie viel Aufwand hat dahinter gesteckt?

Es war das coolste, aber auch das arbeitsintensivste Jahr meines Lebens. Ich hab wirklich kaum noch geschlafen, kurz vorher nur noch so vier Stunden pro Nacht, und das Schlimmste ist, dass man an so viele Sachen nicht denkt wenn man sowas noch nie gemacht hat! Je näher der Termin rückt, desto mehr kommt auf einen zu, mit dem man man vorher nicht gerechnet hat, einfach weil man es nicht besser weiß. Allein schon, dass man Backstage-Pässe braucht – an so was denk ich halt einfach gar nicht! Aber es hat sich natürlich alles gelohnt und ich bereu es auch null.

Du arbeitest offensichtlich gerne mit vertrauten Menschen. Steht da Freundschaft oder Arbeit im Vordergrund?

Mein Team ist eine Kombination aus qualitativ hochwertiger Arbeit und sehr, sehr inniger Freundschaft. Es muss beides stimmen. Deswegen hol ich mir auch immer lieber Leute dazu, die vielleicht noch nicht so erfolgreich sind, bei denen man aber das Gefühl hat in einem Boot zu sitzen, zusammen zu wachsen und voll Bock drauf zu haben. Wir verstehen uns gut, es ist harmonisch und wir freuen uns gemeinsam wenn irgendwas Geiles passiert. Das ist einfach schön.

Deine Texte sind ziemlich autobiografisch. In Hinterher singst du „Das Glück ist scheu, es rennt und ich renn hinterher“. Empfindest du das immer noch so, rennt das Glück, und man kann es manchmal kaum fassen?

Jedes Lied ist ja irgendwie eine Phase. Also es ist ja nie irgendwas für immer. Wenn ich mal ein trauriges Liebeslied schreibe heißt das ja auch nicht, dass ich immer Liebeskummer hätte, das wär ja furchtbar! Genau wie nicht immer alles schön ist. Jeder Song hat halt seine Geschichte, und ich bin das einfach alles, ein ganzer Mix daraus. Aber ich würde auch nicht sagen, dass das jetzt gar nicht mehr vorkommt – es gibt immer noch Phasen wo ich das Gefühl hab, ich packs irgendwie nicht. Aber die hat jeder. Ich schreib ja über das was jeden berührt oder bewegt, und das ist eben auch ein Teil davon.

Im September erscheint dein neues Album „Mine“. Was erwartet uns darauf, ist es sehr anders?

Also, ich empfinde es als sehr anders. Ich weiß nicht, was die anderen sagen, und ich kann da ja nicht mehr objektiv denken. Aber es trägt auf jeden Fall viel mehr meine eigene Handschrift, einfach weil ich es selbst produziert habe. Das war mir auch sehr wichtig bei diesem nächsten Step, dass das jetzt einfach voll meins ist und genau so, wie ich das haben wollte. Es ist minimalistischer, nicht mehr so poppig, aber trotzdem noch sehr episch. Es sind auch Streicher dabei und ein Chor und so, aber teilweise auch nur ein Beat vom Omnichord. Und es ist sehr kantig gemischt. Ich bin auf jeden Fall sehr stolz darauf.

Gibt es einen deutschen Musiker, mit dem du so richtig gerne mal zusammenarbeiten würdest?

Es gibt viele! Also, wo soll ich anfangen… Als erster fällt mir Käptn Peng ein. Cäthe find ich total geil. Oh Gott, es gibt so viele tolle Künstler! Ich selbst höre eigentlich alles, was ich so in die Finger krieg. Ich bekomme durch Freunde so viel gute Musik mit, und wenn ich aufhöre zu reden und denke Hö, was ist das denn?, dann kauf ichs mir auch direkt. Mein Musikgeschmack hat so zwei Säulen: Die Indie Underground Pop Schiene, viele minimalistische Sachen auch – und Hip Hop. Deutsch Hip Hop, da gibt es so viele tolle Texte, und ich finde dass in Deutschland irgendwie oft entweder die Texte oder die Musik leiden. Und beim Hip Hop kann ich mir eben alles aus den Texten holen.

Bist du auch so ein Mensch, der immer erst mal auf den Text hört? 

Ich dachte das immer, aber ich glaube inzwischen schon, dass es eher die Kombi ist. Also, damit ich wirklich komplett geflasht bin muss beides stimmen. Aber es gibt Texte, die mir Gänsehaut geben, auch wenn ich die Musik eigentlich nicht so gut finde, so dass ich mir das Lied trotzdem immer wieder anhören muss. Also, Texte sind schon extrem wichtig, aber wenn die Musik noch dazu gut ist, dann bin ich richtig baff.

Gerade ist dein Video zu Der Mond lacht erschienen. Kannst du mir kurz die Geschichte dahinter erzählen?

Also, die Idee war die einer skurrilen Szenerie, so dass es ein bisschen komisch wirkt, übertrieben, mit überzogenen Charakteren, ein bisschen bizarr… Und diese Charaktere stehen eigentlich für Charaktereigenschaften von mir selbst, ich schau sie an und weiß gar nicht so recht was ich davon halten soll. Ob ich das jetzt gut finde oder nicht, wie ich so bin – und dann verstehe ich, dass ich eben aus diesen Charaktereigenschaften zusammengesetzt bin, und dass das auch okay so ist. Und ab diesem Punkt der Akzeptanz mir selbst gegenüber ist dann eben Party.

Noch eine Lyric-Frage: Ich finde, die Zeile „Du bist gesund für mich“ aus Du Scheinst ist eine ziemlich schöne Liebeserklärung. Wie muss ein Mensch sein, um gesund für dich zu sein?

Wenn man das Gefühl hat, dass ein einzelner Mensch einem alles gibt was man braucht, find ich. Als ich das geschrieben hab war das echt so – ich hab mich gefühlt, also könnte ich alles machen, was ich vorher nie hingekriegt hab. Und ich finde, dieser Ausdruck, dass einem etwas gut tut oder gesund für einen ist, das ist so stark komprimiert, das kann man irgendwie auf alles anwenden… Das auf einen Menschen zu beziehen ist zwar eher untypisch, aber ich fand es so passend.

Es gibt ja auch so Leute, die machen einen eher krank, die sind so Energievampire…

…ja genau, und die bringen mich so aus meiner Mitte! Als ich das geschrieben habe war eben das Gegenteil der Fall, ich war halt einfach krass verliebt, und ich dachte der tut mir gut und mir gehts mit ihm besser als ohne.

Hörst du Musik laut oder leise?

Beides natürlich, je nach Stimmung. Also, es kommt auf die Situation an. Ich finde, wenn einen Musik berührt, dann will man sie ja auch laut hören.

Lieder mit sehr intensiven Texten höre ich aber gern auch mal leise, weil ich mich dann oft mehr auf die Worte einlassen kann. Weil dann irgendwie mehr Raum für den eigenen Kram da ist. Ich finde, wenn man Musik laut hört nimmt sie einen voll ein, haut einen vielleicht mehr um, aber wenn man sie leise lässt, dann passiert irgendwie mehr im eigenen Kopf.

Das stimmt eigentlich, man kann dann mehr damit arbeiten. Aber wenn ich betrunken durch die Straßen laufe, dann höre ich Musik immer laut. Also ja: Wenns um die reine Emotion geht, dann macht man immer laut. Aber wenns ums Zuhören geht und ums Umgehen mit irgendwas, dann lieber leise.

Die nächste Gelegenheit, Mine live und in ganz laut mit tausend Emotionen zu sehen, ist das Darmstädter Schlossgrabenfest am 31. Mai und die Mainzer Johannisnacht am 22. Juni. Bis dahin könnt ihr natürlich gerne bei Facebook oder auf ihrer Website vorbeischauen – für tolle Videos, tolle Bilder und ganz viel Herzblut. Die Bilder in diesem Beitrag hat der wunderbare Maxim Abrossimow geschossen, der auch für Mines Videos verantwortlich ist.

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