It’s over: Die Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Spring/Summer 2015 ist vorbei, und wir sind zum ersten Mal nicht vollkommen durch. Während Mia gar nicht erst nach Berlin gefahren ist, haben Livia und ich uns entschieden, es dieses Jahr etwas ruhiger angehen zu lassen und nur ausgewählte Shows zu besuchen. Stattdessen ein bisschen mehr Zeit auf der Bread & Butter zu verbringen, die Sonne in Berlin zu genießen (wenn sie nicht durch jähe Weltuntergangs-Szenarien unterbrochen wurde) und die eigenen Nerven zu schonen.

Und das hat sich gelohnt. Auf der Bread & Butter sahen wir viele neue Stoffe, einen streichelzarten Trench Coat bei Canada Goose, reisefreundliche (weil rollbare) Hüte bei Stetson, tolle Farben überall, und das australische Label R.M. Williams machte mir Lust endgültig Lust auf einen Urlaub auf dem Pferderücken. So viel Zeit zum Genau-Hinschauen blieb die letzten Saisons selten.

Neuentdeckungen und Hängematten auf der Bread & Butter

Ich kann mich auch nicht erinnern, die Outdoor Area der Bread & Butter schonmal so ausgiebig genutzt zu haben. Nach dem Marsch durch die Messehallen legten wir uns in Hängematten, hätten uns fast in den Pool gestürzt und streckten die Nase in die Sonne. Genossen das brasilianische Lebensgefühl, das die Messe unter dem Motto Carnaval do Brasil zu vermitteln versuchte (und planten insgeheim schon den nächsten travelding Trip).

Und trotzdem haben wir wieder viele Shows gesehen. Unsere Favoriten sind dieses Jahr ganz klar Evergreen Hien Le und Anne Gorke, die Papageien zum neuen It-Tier erklärte und uns völlig unerwartet positivst überraschte. Aber von Anfang an.

Brachmann: Ohne viel Schnickschnack

Das Newcomer-Label Brachmann zeigt eine von der Bauhaus-Tradition inspirierte Kollektion der klaren Schnitte. Ohne viel Schnickschnack kamen die zwölf Looks der in den eher gedeckten Farben Dunkelblau, Bordeaux und Anthrazit aus. An einer Stelle schimmert der Leinenstoff eines Anzugs rötlich, dann fällt der Blick auf mein persönliches Highlight, eine nachtblauer Cutaway mit Schalkragen, den ich dringend ausgeführt sehen möchte! 
Klassische Basics und avantgardistische Elemente gehen hier auf unaufgeregt ästhetische Weise eine Liaison ein. Männer sollten weiterhin einen Trench im Schrank behalten und dafür die Skinnies aussortieren. Die gab es nämlich weiterhin nicht zu sehen.


Sopopular: Bärtige, tätowierte Models

Noch eine Männer-Kollektion, diesmal jedoch urbaner, weniger klassisch. Bärtige, tätowierte Models gehen zu Beginn im All-White-Look mit Bermudas über den Runway. T-Shirts und Hemden kommen in Farbverläufen; ich mag besonders die Einarbeitung von Marmormustern in die Designs. Die schwarze Biker-Jacke in Kombination mit weißen Lederschnürschuhen von Dr. Martens würde ich selbst gerne davon tragen.

Laurèl: Ab in den Urlaub

„Attention please! All passengers booked on the Laurèl Airways flight LL 1978 to Berlin, are requested to proceed to the runway.” Manchmal sind Worte so anziehend wie Magnete und bei dem als Flugzeugansage getarnten Show-Auftakt von Laurèl, konnten wir gar nicht anders als die dazu gehörige Pressemitteilung hervorzuziehen. Viel zu sehr klang das nach Urlaub, nach Davonziehen, nach Seelebaumeln Lassen. Wie man diese Gefühle dann in Mode verpackt, mussten wir uns dann natürlich wenigstens auf den Catwalk-Bildern dringend ansehen. Schließlich werden die Koffer hier bei Uberding immer wieder gerne eifrig gepackt und so ein wenig Inspiration für den perfekten Beach-Look darf schon gerne sein. Wenn es nach Laurèl geht dann flanieren wir demnächst in Shorts mit Lochmustern an der Strandpromenande entlang und gehen im limettenfarbenen Overall mit Cut-Out zum Seafood-Dinner. Ein bisschen Bohème, ein bisschen Luxus. Nehmen wir beides und dazu dann einen Cocktail an der Hotelbar mit Blick aufs Meer.

Malaikaraiss: Zuckerperlen und Sorbetfarben

Nachdem Livia sich zunächst alleine die Männerschauen angesehen hatte, war Malaikaraiss meine erste Show der Woche, und direkt eine von denen, wo die Vorfreude groß war und die Erwartungen hoch. Und tatsächlich war direkt auf den Seating Karten ein absolutes Highlight abgedruckt: Die Zuckerperlenjacke, die schon am Tag zuvor beim Start your own Fashion Business für Herzen in den Augen gesorgt hatte. Ansonsten waren viele typische Malaika-Teile zu sehen, aber es waren auch ein paar Teile dabei, die uns so gar nicht gefallen wollten. Nicht ganz so durchgängig toll, wie wir es gewohnt sind. Aber das ist hier Jammern auf hohem Niveau.

Anne Gorke: Too cruel for cool

Ziemliches Neuland war für uns Anne Gorke: Was wir unter dem Kollektionsmotto erwarten sollten wussten wir so gar nicht. Und wurden dann maßlos überrascht: Auf zum Strand, ab an die Bar! Anne Gorke weiß wie man den Sommer umarmt. Mit großzügigen Papageienprints in Rottönen, Turban im Haar und flachen Riemchensandalen an den Füßen. Zum Ausflug ein Latzkleid in Navy, zum Abendessen an der Strandpromenande ein himmelblauer Maxi-Rock. Bei so viel Lässigkeit können wir es eigentlich nur wie die Models bei ihrem Abschlusswalk halten: Hoch die Gläser! Too cool for cruel – hier bleibt nur Platz für Ausgelassenheit.

Dimitri: La Dolce Vita in Reinform

Der Südtiroler ist und bleibt ein Herzmensch. Die neue Kollektion beinhaltet so einiges, was wir nicht mögen: Leo Print, plakative Farben, Volants. Und noch viel mehr, was wir wahnsinnig gern mögen: Zitronengelb, auffälligen Schmuck, Metallic Gürtel. Kaftane, Ozeanblau, Prints und ultrafeminine Kleider. Dimitri wirkt immer ein bisschen wie ein Exot zwischen den meist sehr minimalistischen und coolen Entwürfen auf der Berliner Fashion Week. Und das ist nichts schlechtes. Lisas Favorit ist der sonnengelbe Rock im Bonbon-Look. Lebenslust pur!

Hien Le: Elegante Zurückhaltung

Hien Le erzählt uns von einer schönen neuen Welt, in der Männer modisch sein können, ohne verkleidet auszusehen, in der wir aus dem Wasser steigen und mit tropfenden Pferdeschwänzen zur Poolbar laufen um uns ein Orangensorbet zu holen, in der Stoffe in erster Linie fließen und angenehm auf der Haut liegen sollen und dann, fast schon automatisch, auch noch gut dabei aussehen. Hien hat ein zartes Orange erfunden, das sogar uns gefällt, die Leidenschaft für Mint gefüttert und mit zarter Transparenz gespielt – wie immer, ohne es an irgendeiner Stelle zu übertreiben.

Marina Hoermanseder: Weiterentwicklung und Treue zur eigenen Linie

Bei Marina Hoermanseder spricht erwartungsgemäß die Hälfte der Gäste Österreichisch. Und sie spricht es viel, selbst während der Show, was für uns erstmal ungewohnt ist. Aber sie sind herzlich, diese Österreicher: Am Ende der Show bekommt Marina Standing Ovations, und das nicht zu Unrecht: Anknüpfend an ihre letzte Kollektion zeigte sie wieder stark orthopädisch angehauchte Teile, Lack und Leder, aber alles etwas tragbarer, neu gedacht, weiter entwickelt. Die letzte Show für uns war, dank der fröhlichen Franko-Österreicherin, also eine gelungene.

Danke, liebes Berlin, dass du deine Sturmfluten (meistens) so getimed hast, dass wir nicht im Regen stehen mussten. Danke, liebe Fashion Week, dass wir es diesmal so entspannt mit dir hatten. Danke auch für Veränderungen, denn auch wenn die Toiletten im Eisstadion nicht ganz dem Glamourfaktor einer Fashion Week entsprechen und der Platz im wunderschön gestalteten Innenhof etwas begrenzt ist, wir fanden die neue Location echt okay. Bis zum nächsten Mal!

Alle Fotos © Lisa Mattis / Livia Noll. Der Text ist ein gelungener Flickenteppich aus Livias und meinen Worten.

 

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