Ich wache seit vier Wochen manchmal morgens auf und vermisse den Mercedes SL. Kein Witz. Dieses Gefühl, wenn du das Auto aus der Ferne entriegelst und die Lichter kurz aufblinken. Wenn du den Start-Knopf drückst und der V8 anfängt grimmig zu knurren. Wenn du irgendwie weißt, dass alles gut ist, alles gut wird. Auf jeden Fall.

Warum ich einen Fahrbericht derart emotional anfange? Weil er das verdient hat, der SL. Er war uns zwei Wochen lang ein so treuer Begleiter, dass es wirklich schwer war, ihn wieder abzugeben. Vielleicht lag es daran, dass wir auf einer Reise waren und sich die Umgebung immer geändert hat. Der SL blieb auf jeden Fall die beruhigende Konstante, der Ruhepol. Was aber nicht heißen soll, dass er nur ruhig kann!

Die Optik: Das Multitalent

Mit dem aktuellen Modell des SL, das seit 2012 unterwegs ist und damit auch schon der neuen Design-Generation der Marke angehört, hat Mercedes-Benz meiner Meinung nach alles richtig gemacht. Bis in die späten 80er Jahre war der SL ein wunderschönes Auto, das noch heute unzählige Fans hat. Dann kamen die Modellgenerationen R129 und R230, mit denen ich nicht so richtig warm werden kann, ihnen haftet irgendwie so ein mittelmäßiges Image an. Dem neuen perlt dieses Image aber problemlos vom Lack ab, er sieht nun sportlicher und dynamischer aus, gleichzeitig aber auch edler und eben deutlich moderner. Der elegante Braunton, den unser Testfahrzeug hatte, hat mir dabei besonders gut gefallen.

Als Roadster mit Hardtop beherrscht der Mercedes-Benz SL500 gleich zwei Dinge: Er kann ein perfektes Cabrio im Sommer sein, aber auch ein richtiger, geschlossener Sportwagen, wenn die Sonne mal nicht scheint. Die Silhouette ist wunderschön, ob offen oder geschlossen jedes Detail macht den Look noch ein bisschen besser. Der markante Kühlergrill, das elegante Heck oder die Kiemen an der Seite und auf der Motorhaube, nichts ist zu laut, sagt aber trotzdem aus: ‚Hallo, hier bin ich – und ich kann was!’ Besonders gut gefallen mir die Kiemen auf der Motorhaube übrigens von Innen. Dann wirken die Chrom-Streben wie Reißzähne, die nur auf Beute warten.

Im Innenraum trumpft der SL mit Luxus auf. Feinstes, perfekt verarbeitetes Leder wohin das Auge reicht, gemischt mit edlem Echtholz. Wobei ich persönlich letzteres nicht in die Ausstattung wählen würde, doch das ist ja Geschmacksache. Ansonsten aber alles 1a, vom großen Display über die Luftdüsen bis hin zur stylishen, aufgeräumten Mittelkonsole. Im SL fühlst du dich eben nicht wie in einem normalen Auto, sondern eher, als hätte einer einen vollelektrischen Eames Lounge Chair mit einer Yacht und einem Rennwagen gekreuzt.

Komfort: Das Beste oder nichts

Komfort kann der SL sehr gut, trotz aller Sportlichkeit. Die Sitze, die ich bei der Optik schon erwähnt habe, sind trotz aller Schönheit auch bequem und vor allem umarmen sie einen – im wahrsten Sinne des Wortes! Luftkammern machen den Sitz zum ‚Dynamic Seat’ und füllen sich bei Kurvenfahrten an genau der richtigen Stelle im genau richtigen Moment. So wackelt man auf dem gewundenen Highway 1 am Pazifik entlang nicht herum wie ein Metronom, sondern kann aufrecht und bequem jede einzelne Kehre genießen.

Was mich überrascht hat, war der Kofferraum, beziehungsweise der Stauraum im gesamten Fahrzeug. Ich war im Vorfeld extrem skeptisch, ob wir es schaffen würden, mit einem Haufen Reisegepäck durch die Gegend zu fahren – vor allem mit offenem Hardtop, was den Kofferraum nochmals verkleinert. Doch dann die Überraschung: Ein Trolley, zwei Sporttaschen, ein Rucksack und etwas Kleinkram: Alles problemlos im Kofferraum und hinter den Sitzen verstaut! Eine praktische Abtrennung im Kofferraum hilft dabei, diesen so zu beladen, dass das Hardtop trotzdem noch Platz hat.

Was man beim Komfort noch erwähnen kann? Das iPhone kann natürlich in der Mittelkonsole geladen werden, dank Keyless Go muss der Schlüssel nur irgendwo in der Tasche sein und mit all den kleinen elektronischen Helferlein muss man schon doof sein, um einen Unfall zu bauen. Der tote Winkel wird überwacht, der Abstand zum Vordermann gehalten und kommt man von der Spur ab, dann meldet sich der SL auch. Airflow sorgt für einen warmen Nacken, wenn man mal bei milderen Temperaturen oben ohne fährt und Magic Vision Control lässt den Scheibenreiniger wohl dosiert aus unzähligen kleinen Düsen im Scheibenwischer strömen, sodass nichts in den Innenraum spritzt. Und habe ich eigentlich schon erwähnt, dass man vom Sitz UMARMT wird?

Der Motor: Potent in jeder Situation

Wir waren in den USA also wollte ich einen V8 haben. Hubraum ist eben immer noch der größte Trumpf und der Sound ist aus acht Zylindern auch am schönsten. Und Hubraum hat der Mercedes-Benz SL500 reichlich: Knapp 4,7 Liter genau genommen. Mercedes packt dann noch zwei Turbos drauf und so konnte mich der SL mit stolzen 435 PS und sagenhaften 700 Newtonmetern Drehmoment beglücken. Was das heißt? Unglaubliche Power!

Was mir der SL auch wieder einmal gezeigt hat (zum Beispiel im Vergleich zum Ford Taurus, den ich im Januar in Detroit getestet hatte): Beim Getriebe trennt sich die Spreu vom Weizen! Während ein schlechtes Getriebe eine Menge Leistung verpuffen lässt, macht ein gutes Getriebe wie das 7G Tronic Plus im Mercedes das Auto zur Waffe. Die Automatik kann alles, vom entspannten Eco-Cruisen bis zu bösen, punktgenauen Kickdowns im Sportmodus. Und zur Not gibt es da ja noch die feinen Aluminiumpaddels am Lenkrad.

Die perfekte Spielwiese ist ein Land, wo es das größte aller Gefühle ist, wenn man auf dem Freeway mal 130 Km/h fahren darf, natürlich nicht. Die endlose Kraft des SL500 hätte ich natürlich gerne auch mal jenseits der 200 gespürt. Doch auch so gab es schon Momente, in denen es schier unvorstellbar erschien, dass der SL500 noch vom SL63 und SL65 AMG übertroffen wird, von nochmals bis zu 200 PS mehr! Wenn man zum Beispiel auf den Highway fährt: Da bist du auf dem Beschleunigungsstreifen mit so 30-40 Meilen und dann latschst du drauf, der V8 brüllt und wirft dich quasi in die nächste Zeitzone. Auf dem Tacho stehen dann plötzlich 110 Meilen und du hoffst nur noch, dass jetzt nicht gerade Cops in der Nähe sind. War ja keine Absicht, das Auto ist halt so schnell!

Mein Fazit zum Mercedes-Benz SL500

Wie schon zu Beginn gesagt: Die zwei Wochen mit dem SL waren nicht einfach nur eine Testfahrt. Sie waren eher eine wunderschöne Affäre, an die man zurückdenkt, grinst und sich wünscht, dass mehr draus geworden wäre.

Meine Meinung zum SL hat sich stark verändert. Während ich bisher dachte, der Roadster sei eher ein Auto für grauhaarige Zahnärzte, würde ich den Flitzer jetzt sofort selbst nehmen, auch im direkten Vergleich mit einigen Konkurrenten. Dazu hat auch beigetragen, dass ich sehr viel Zuspruch bekommen habe auf den Straßen Amerikas. Daumen hoch von Motorradfahrern, coole Sprüche von coolen Jungs und so einige bewundernd-neidische Blicke von allerlei Leuten, wenn es auf dem Parkplatz tatsächlich ich war, der in den SL gestiegen ist!

Kurz gesagt: der SL Passt immer. In Kalifornien oder im Schwabenland, in Los Angeles, Palm Springs oder dem Napa Valley. Man fühlt sich nie underdressed!

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