Livia, schreib‘ doch mal, wie das ist, mit Ende 20,“ bat Mia mich vor einer Weile. In der Zwischenzeit habe ich Sätze getippt und wieder gelöscht, Gedanken sortiert und wieder verworfen. Ideen von links nach rechts geschoben und doch ist nichts an seinen Platz gefallen. Warum? Ich fühle mich zu jung, um Lebensweisheiten zu verbreiten. Und gleichzeitig doch zu alt, um zu sagen: „Nichts hat sich verändert, das Leben ist eine einzige, große Party. Wo sind die Drinks?„.

Planlos sollen wir sein. Gefangen zwischen zu vielen Möglichkeiten. Sobald ich in der Überschrift eines Artikels „Generation Y“ lese, schaue ich ehrlich gesagt weg. Ich habe keine Lust darauf zu lesen, wie „meine Generation“ sich fühlt, verhält, ist. Selten klingt das vorbehaltlos richtig, selten komplex genug, um ein Leben zu erfassen, geschweige denn die einer ganzen Generation. Wahrscheinlich scheue ich mich deshalb auch vor diesem Text. Die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist wohl, bloß von mir zu sprechen statt zu viel „wir“ für mich zu beanspruchen.

Zwischen One-Way-Tickets und Balkonpflanzen

Wie ist es jetzt also, dieses „Ende 20„? Ist es überhaupt ein Ende oder bloß ein neuer Anfang? Für mich ist es der Beginn einer neuen Zeitrechnung.

Wo sich Wochen und Monate früher noch gemächlich hinzogen, jagt heute ein Tag den nächsten.

Wenn ich nicht genau hinschaue, passiert es schon mal, dass ich über den neuen Monatsanfang stolpere wie über eine Teppichkante, von der man eigentlich genau weiß, dass sie da ist. Früher habe ich über meine Eltern geschmunzelt, die wenig Zeit für Treffen mit Freunden hatten und für die jedes Jahresende immer schneller angerast zu kommen schien.

Heute weiß ich selbst: mit jedem Jahr vergeht auch die Zeit schneller, was sehr wahrscheinlich an einem immer eingespielteren Alltag liegt. Die Gleichförmigkeit der Tage lässt sie zu einem Band verschmelzen. Ein Band, das einlullt und durch die Monate trägt. Nicht falsch verstehen: hier geht es nicht um Tristesse und Langeweile. Mit einer gewissen Routine kommen auch Ruhe und Sicherheit, die einen Nachts ruhig schlafen lassen. Überhaupt wird alles irgendwie ruhiger. Nicht jeder Abend ist für Drinks mit Freunden gemacht.

Freunde, übrigens, wandern nochmal durch ein paar Siebe.

Übrig bleiben immer weniger Menschen im Inner Circle. Die sind dort dafür aber absolut richtig. Statt Schotter und Steine fallen nur die echten Goldstücke raus. Das reicht auch, denn Freundschaften brauchen Pflege und wenn am Ende noch etwas von uns selbst übrig bleiben und Gespräche aus mehr als „Na, alles klar? Endlich wieder Sommer„, bestehen sollen, habe ich noch keine Lösung gefunden, das komplette Netzwerk aus Menschen, die ich in den vergangen Jahren gesammelt habe, mit viel Tiefe aufrechtzuerhalten.

Ruhiger sind auch die Wochenenden. Statt von einem Event zum nächsten zu laufen und die eigenen Vier Wände vor allem als nützlichen Ort zum Schlafen und Umziehen zu begreifen, wird er langsam aber sicher zu einem Zuhause. Das Geld wandert weniger in Bars, dafür in Einrichtungsgegenstände.

Bettwäsche bekommt plötzlich eine neue Bedeutung, genauso wie Geschirr und Balkonpflanzen.

Manchmal will ich mich dafür selbst auslachen und freue mich dann doch riesig, wenn ich an einem schön gedeckten Tisch frühstücken kann.

Manche Freunde gehen mittlerweile den gar nicht mehr so erschreckenden Weg hin zur kleinen Familie mit Kind und Hund und Kegel. Gleichzeitig fühle ich mich oft noch zu jung, um erwachsen zu sein. Was auch immer das heißen mag. Dann spüre ich diesen Funken, diese Abenteuerlust, die mir immer noch in den Knochen sitzt. Die Idee ein One Way Ticket zu lösen, irgendwohin, fühlt sich nicht unrealistisch an. Gleichzeitig habe ich nicht mehr das Gefühl, dass ich gehen muss, um anzukommen.

Ende 20 – eine Bestandsaufnahme

Ankommen an einem Ort, ankommen im eigenen Leben, ankommen bei sich. Letzteres ist vielleicht die größte Hürde. Viele Wochen sind schon in dieser Haut gelebt, viele Entscheidungen getroffen. Viele Menschen sind vorbeigezogen, verabschiedet, ins Herz geschlossen. Viele Wunden sind verheilt, manche aufgebrochen, verschorft und vernarbt. „Es ist gut so wie es ist“ – dieser Satz ist mir wichtig geworden. Denn wenn er sich nicht richtig anfühlt, dann sollte man etwas ändern. Für sich selbst. Dass das wiederum nicht egoistisch ist, musste ich lernen. Dass man sich nur selbst glücklich machen kann, auch. Wenn der Schein verflogen ist, kommt man dem Kern der Dinge näher und damit auch sich selbst.

Mia, du wolltest wissen, wie es ist Ende 20 zu sein. Ich glaube, wir können jetzt mehr und müssen weniger. Vielleicht haben wir nicht immer einen Plan, aber wir haben uns und einen kleinen Kreis an Menschen, die mit uns in dieselbe Richtung gehen.

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