AVID. Übersetzt bedeutet das so viel wie: eifrig, begierig, leidenschaftlich. Und die Leidenschaft, für das was sie tun, steht Asli Kaymaz aka AZLAY und Sina Hiddemann aka SAYAA ins Gesicht geschrieben. Auf ihre Musik angesprochen, verfallen beide in flammende Erzählungen über ihre musikalischen Wurzeln, ihre Idole. Und die Entwicklung hin zu einem Musikstil, den sie heute in keine Schublade einordnen wollen. Hip-Hop wird wohl immer dabei sein. R’n’B. Aber auch Dance und Elektro. Und – bei Asli – ein Einfluss, die sie mit einem verschmitzten Grinsen als „Dirrty Booty Shake Musik“ bezeichnet.

„Es geht uns darum, Menschen auf eine Reise zu schicken und zusammenzubringen“, sagt Asli. „Das Genre ist dabei im Endeffekt egal.“ 

„AVID ist die erste Plattform, die mir das in der Form geboten hat“, fügt Sina hinzu. „Und was daraus gewachsen ist, ist unglaublich“. Eine Plattform, die sich die DJs selbst geschaffen haben – und die auf offene Ohren stößt. Zur dritten AVID-Party im Oktober verzeichnete der Yart-Club in Stuttgart den besten Umsatz des Jahres, die nächste Veranstaltung ist für Ende Februar 2019 geplant. Dass das Konzept so angenommen wird, liegt sicher am musikalischen Gespür der beiden, aber auch am Grundfeeling, auf dem AVID gewachsen ist.

Asli Kaymaz aka AZLAY und Sina Hiddemann, aka SAYAA, legen bei AVID gemeinsam auf.

Die Idee dazu entsteht an einem Sommerabend im letzen Jahr: Asli und fünf Freundinnen – Anka, Anna, Anni, Vali und Moni, die alle der Kreativ- und Gründerszene entstammen – sprechen bei Feierabenddrinks darüber, was ihnen in Stuttgart fehlt: Ein Ort, an dem talentierte Frauen zusammenkommen, sich connecten, unterstützen, inspirieren, gegenseitig und miteinander feiern können – ohne Ellenbogenmentalität. Sina, die wie Asli an der Popakademie an Mannheim studiert, kommt als musikalische Unterstützung dazu. AVID ist geboren.

Das Konzept ist rund: Die Eintrittspreise der Partyreihe gehen an eine Body-Positivity-Kampagne der Aktivist*innen von Pinkstinks, die sich vor allem an junge Mädchen richtet. Zusätzlich zur Party werden zukünftig Get-Togethers organisiert, an denen sich Frauen aus der Szene treffen und austauschen können. Auch DJ-Workshops speziell für junge Mädchen können sich Asli und Sina zukünftig vorstellen. Ich habe die beiden in ihrer und meiner Wahlheimat Stuttgart getroffen und geredet – über Frauen in der DJ-Szene, Female Empowerment und eine Idee, die Feuer gefangen hat.

Cathi: First things first. Wie seid ihr zum Auflegen gekommen?

Asli: Ich lege erst seit etwas über einem Jahr auf. Ich hatte zwar schon früher Lust, hatte aber einfach keine Eier (lacht)! Seit Januar 2018 lege ich ein Mal im Monat in der Kurzbar in Mannheim mit zwei Freunden als BUSH Batang Kollektiv auf. Im Sommer haben wir auf das erste Mal auf dem Mini-Rock-Festival gespielt.

Sina: Ich bin im gleichen Ort wie der inzwischen recht bekannte DJ Niklas Ibach aufgewachsen und habe ihm als Jugendliche ab und zu über die Schulter schauen können. Dann habe ich zuhause mit einem kleinen Mixer angefangen, bei Partys von Freunden aufgelegt, das ausgetestet. In meiner Zeit in der Jägermeister-WG 2015 hat sich dann ein monatliches Event in der Corso-Bar in Stuttgart ergeben. Dieses Jahr durfte ich auf der Bread & Butter beim Mercedes Benz Pop-Up auflegen – direkt nach meinem Vorbild Jarreau Vandal, das war schon verrückt.

Ich bin nur mit Jungs aufgewachsen. Wenn die etwas gut gemacht haben, habe ich mir gesagt: Da musst du jetzt eben mitziehen, besser werden als die.

 

Cathi: Wie ist der Zugang für Frauen in die Szene? Statistisch gesehen ist die Zahl der weiblichen DJs in den letzten Jahren ja zwar gestiegen: 2012 lag der Anteil weiblicher Acts noch bei rund sieben Prozent, 2016 schon bei 25. Viel ist das aber immer noch nicht.

Asli: Ich glaube, dass Selbstvertrauen eine große Rolle spielt. Das habe ich an mir selbst beobachtet: Ich habe mich erst sehr spät getraut, vor Leuten aufzulegen. Es ist ja auch statistisch bewiesen, dass Frauen sich notorisch selbst unterschätzen.

Sina: Ich bin nur mit Jungs aufgewachsen. Wenn die etwas gut gemacht haben, habe ich mir gesagt: Da musst du jetzt eben mitziehen, besser werden als die. Den Ehrgeiz hatte ich schon als Kind. Aber als ich dieses Jahr für die Bread & Butter gebucht wurde, habe ich zum ersten Mal richtig an mir gezweifelt. Wahrscheinlich hätten die meisten Männer gedacht:“Ich bin der geilste Hengst auf dem Markt“. Ich habe nur gedacht: „Bin ich echt gut genug?“

Asli: Die Generationen vor uns waren eben noch sehr klischeebeladen, mit klar verteilten Rollenbildern, was Frauen und Männer zu tun und zu lassen haben. Selbst mein Vater, eigentlich ein offener und gebildeter Mann, hat mir das lange noch eingebläut: Vergiss nie, dass du ein Mädchen bist! Ich glaube, wir sind alle gerade erst dabei, da rauszuwachsen.

Ich möchte nicht gebucht werden, nur weil ich eine Frau bin – ich will gebucht werden, weil ich meinen Job verdammt gut mache.

Cathi: Wie äußert sich das beim Auflegen?

Asli: Frauen werden technische Fähigkeiten oft noch abgesprochen. Ich habe viele Mädels bei Workshops getroffen, die echt gut sind. Aber die verfolgen das nicht weiter, weil sie denken, dass Jungs das irgendwie besser machen – oder Hemmungen haben nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Dabei ist die Technik beim Auflegen eigentlich das kleinste Problem. Am Ende des Tages sind das drei Knöpfe und vier Kabel. 

Cathi: Wie begegnet man euch in der Szene?

Asli: Zuallererst: Wir haben beide viele – gerade männliche – Freunde in der Szene, die uns unterstützen und die uns jederzeit weiterhelfen würden. Aber dann gibt es auch solche, die einen ein bisschen belächeln, so nach dem Motto „Ist ja cute, dass du das mit dem Auflegen probierst“. Es ist mir auch schon passiert, dass mir Leute nach einem Gig 20 Euro zugesteckt haben. Das macht mich dann schon stutzig: Würden die nach einer Party zu einem Typen hingehen und ihm Geld geben?

Sina: Das kenne ich. Es passiert mir auffällig oft, dass Leute nach einem Gig zu mir kommen und mir sagen, dass ich das gut gemacht habe – aber diesem gönnerischen Tonfall, in dem mitschwingt: „Respekt! Für eine Frau machst du’s geil“. Aber das sind natürlich Situationen, die schwer greifbar sind.

Asli: Ich habe auch Bekannte aus der Szene, gegen die ich mich bei einem Booking durchgesetzt habe und die mir durch die Blume gesagt haben, dass sie nicht denken, dass das an meinem Können liegt. Ich möchte nicht gebucht werden, nur weil ich eine Frau bin – ich will gebucht werden, weil ich meinen Job verdammt gut mache. Je öfter man sowas hört, desto mehr zweifelt man an sich, hinterfragt: Wollt ihr mich jetzt nur weil ich eine Frau bin und ihr dann am Ende gut dasteht oder weil ihr wirklich meine Musik gut findet? Am Ende ist das aber ja auch wieder eine Frage des Selbstbewusstseins. Daran muss ich offensichtlich auch noch arbeiten!

Hätte man Asli und mich vor einem Jahr zusammengesetzt und uns gezeigt: Hey ihr habt doch das gleiche Ziel, macht mal was zusammen! Wer weiß wo wir dann heute schon wären? Wir haben so viel Zeit mit falschem Konkurrenzdenken verschwendet.

Cathi: Wie habt ihr euch kennengelernt?

Asli: Das ist eigentlich eine gute Story. Das war vor etwa zwei Jahren als Sina in der Jägermeister-WG in Stuttgart gewohnt hat. Dort haben regelmäßig Konzerte stattgefunden, wo ich die Künstlerbetreuung übernommen habe.

Sina: Wir dachten aber beide über die jeweils andere: Die ist zu cool für mich! Wir haben uns deshalb eher gemieden. Erst ein halbes Jahr später habe ich meinen Mut zusammengenommen und irgendwann direkt zu Asli gesagt: Chapeau, was du alles machst! Du bist eine Inspiration für mich.

Asli: Genau deshalb ist uns der Get-Together-Aspekt von AVID auch so wichtig.

Sina: Hätte man Asli und mich vor einem Jahr zusammengesetzt und uns gezeigt: Hey ihr habt doch das gleiche Ziel, macht mal was zusammen! Wer weiß wo wir dann heute schon wären? Wir haben so viel Zeit mit falschem Konkurrenzdenken verschwendet.

Cathi: Was haltet ihr von dem Vorwurf, ihr würdet mit AVID Männer ausschließen?

Asli: Der erste Satz in unserer Facebook-Veranstaltung lautet: “Für alle Frauen, die, die sie lieben oder gern eine wären.“ Das spricht also wirklich jeden an. Wir weisen auch extra darauf hin: All Boys Welcome! Uns geht es nicht darum, uns abzusondern. Gleichzeitig haben wir es mit dem Motto aber auch geschafft, Arschlöcher fernzuhalten. Wir hatten bislang zum Beispiel keinen einzigen Fall von sexueller Belästigung auf unseren Veranstaltungen. Das klingt vielleicht kitschig, aber AVID ist wirklich ein Ort der Liebe geworden.

Ich will Frauen bewusst machen, was sie wirklich können. Du erfüllst acht von zehn Voraussetzungen? Die anderen zwei Punkte kannst du lernen, go for it!

Sina: Es geht uns vor allem um Female Empowerment, Sichtbarkeit von Frauen und offene Begegnungen. Was mich schon an der ersten AVID geflasht hat: Hier kommen ganz verschiedene Menschen zusammen. Sobald sie die Türschwelle übertreten, sind sie schon eins, Grüppchen lösen sich auf und vermischen sich – und es ist scheiß egal, ob du der Producer von So-und-So oder ein Normalo bist. Das ist Speed-Dating in seiner schönsten Form. Und ich glaube das ist etwas, das man nicht mal so kommunizieren müsste: Das fühlt man einfach, sobald man den Raum betritt.

Cathi: Was wünscht ihr euch für die Zukunft von AVID?

Sina: Ich will Frauen bewusst machen, was sie wirklich können. Du erfüllst acht von zehn Voraussetzungen? Die anderen zwei Punkte kannst du lernen, go for it! Man muss es einfach machen. Immer wenn ich mich aus meiner Komfortzone rausgegangen bin, bin ich gewachsen. Such dir Leute, die dich inspirieren und die bringen dich auf den richtigen Weg. Dann tun sich Chancen auf und alles wächst natürlich. Das war und ist bei uns nicht anders. Asli und ich lernen ständig voneinander.

Asli: Wir sind auf jeden Fall immer ready, zu helfen. Ihr habt unseren Facebook-Kontakt, schreibt uns einfach an!

Sina: Definitiv. Das ist ein Aufruf: Schreibt AVID und ihr werdet auf offene Ohren stoßen!

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