Ein Rätsel: Ich bin auf französischem Boden aber nicht in Frankreich. Ich bin in der EU aber nicht in Europa. Wo bin ich?

Ich lese etwas George Orwell, schaue mir Bohemian Rhapsody an, vertreibe mir die Zeit, doch meine Augen fallen schon bald zu. Das leichte Ruckeln des Flugzeugs macht mich nur noch müder. Als ich meine Augen wieder öffne, werde ich vom grellen Licht, das durch das kleine Fenster scheint, geblendet und brauche etwas um wieder sehen zu können. Ich sehe vor allem blau. Der Himmel ist blau, dazwischen ein paar vereinzelte Wolken, das Wasser ist blau, wobei, eher türkis. Land in Sicht. Vermutlich eine der Nachbarinseln Dominica oder St. Lucia. Jetzt habt ihr noch einen Hinweis. Es ist eine Insel. Man nennt sie auch die Blumeninsel. Madinina auf Kreolisch. Oder, um das Rätsel zu lösen: Martinique. Es ist eine besondere Zeit, denn es ist Karneval auf Martinique.

Karneval auf Martinique: Vom Flieger auf die Tanzfläche

Ich verlasse den Flieger, meinen Parka habe ich schon in Frankfurt tief in meinem Gepäck versteckt, denn hier hat es prächtige 28°C. François vom Comité Martiniquais du Tourisme und unser Fahrer Marc empfangen mich herzlich. Beide werden sich als sehr gesellige Reisebegleiter herausstellen. Erster Stop, das Hotel Simon, das ich im Nachhinein unten rechts auf den Anflugfotos entdeckt habe. Abendessen und dann, nein, geht es nicht ins Bett, sondern feiern – denn es ist Karneval. Ich bin zwar todmüde und schlafe buchstäblich beim Abendessen ein, doch der erste Schluck Rum und vor allem die wahnsinnige Stimmung auf der Party wecken mich sofort auf. In einem Wohngebiet verlassen wir den Wagen, man hört von irgendwo Musik. Wir laufen zwischen den Häusern einen kleinen Hang abwärts, bis zu einem Anwesen. Unzählige solcher Feiern gibt es während dieser Zeit und sie haben meist ein Motto. Dieses Mal: Indien. Martinique und Indien verbindet viel, aber dazu später mehr.

Praktisch jeder ist verkleidet – außer ich. Zugegeben: Ich gehe in Deutschland nie auf den Karneval. Mich hat es dort nie hingezogen aber hier auf Martinique probiere ich es aus. Es gibt immer ein erstes Mal. Die Stimmung ist ausgelassen, die Gäste tanzen auf der Tanzfläche neben dem Pool, selbst die Leute an der Bar und am Rand tanzen. Doch auf der Tanzfläche ist es am wildesten. Der DJ ruft „droite, gauche, droite, gauche“, alle bewegen sich gleichzeitig von rechts nach links. Niemand tanzt alleine, wir sind eine Masse. „HELICOPTER!“, jeder nimmt ein Kleidungsstück in die Hand, François gibt mir seine Kopfbedeckung und ja, wir schleudern sie über unseren Köpfen, bis wir kurz vor dem Abheben sind. Doch das ist nicht alles was diese Party bietet. Die Musik aus der Anlange wird leiser und das rhythmische Schlagen von Trommeln ertönt. Eine Gruppe Musiker nimmt die Tanzfläche für sich ein. Die Menge tanzt und singt ausgelassen mit. Es ist eine tolle Stimmung, doch Marc, unser Fahrer ist da und wir müssen schon wieder heim. Aber es wird nicht die letzte Band sein, die ich sehen werde und der eigentliche Karneval geht erst los.

Den Karneval verstehen

Auf Martinique leben Menschen mit verschiedensten Wurzeln und unterschiedlichen Kulturen, die sich über die Jahre vermischt haben, gemeinsam. Man merkt die verschiedenen Einflüsse am Essen, es gibt Curry in verschiedenen Gerichten, Französisches Gebäck und Madras-Stoff in der Kleidung. Um nur ein paar zu nennen. Gilbert Larose, auch Ti Gilbé genannt, was so viel heißt wie kleiner Gilbert, hat vor 20 Jahren angefangen auf Trois-Ilets einen Park anzulegen, der zu einem Museum geworden ist. Hier wird die Geschichte der Inseleinwohner eindrücklich gezeigt. Von Hand hat er in traditioneller Weise die einfachen Hütten seiner Vorfahren nachgebaut. Er selbst ist auch in so einer aufgewachsen. Ihm ist es wichtig, dass die Menschen nicht vergessen woher sie kommen und wie die Geschichte Martiniques ablief, denn in den Schulbüchern findet man kaum etwas darüber.

Es gab die Arawaks, die Kariben, die Franzosen gründeten eine Kolonie, Menschen aus Afrika wurden als Sklaven hergebracht bis zur Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1848. Nach der Sklaverei herrschte ein Mangel an Arbeitskräften, der durch Chinesen und Inder behoben wurde. In dem schön angelegten Park, kann man bei einem leckeren Fruchtsaft die Geschichte Martiniques erfahren. Ein Stop lohnt sich auf alle Fälle. Aus der Zeit der Sklaverei entstammt auch die Tradition des hiesigen Karnevals. Jedes Jahr wird die Figur des Karnevalskönigs „Vaval“ durch die Straßen gezogen und am letzten Abend öffentlich verbrannt. Er verkörpert eine Person aus Politik oder Gesellschaft, die man ins Lächerliche zieht. Jedes Jahr werden extra dafür Lieder komponiert und rechtzeitig zum Karneval kann jeder mitsingen.

Mardi Gras – Tanz mit den Teufeln

Am beliebtesten Tag des Karnevals kleiden sich alle rot-schwarz, die Farben des Teufels. Ich bin überrascht, praktisch jeder – dieses Mal auch ich – ist in den Farben gekleidet. Die Straßen sind voller Menschen, egal in welche Richtung man schaut, überall sieht man rot und schwarz oder sogar richtige Teufelskostüme. Es ist ein Meer aus Menschen, die tanzen, singen und Spaß haben. Wir laufen mit einer der traditionsreichsten Gruppen mit, „Tanbou Bô Kannal“. François erzählt mir, dass früher die Ärmeren am Kanal gewohnt haben und die Wohlhabenderen an den Hängen. Wenn etwas ärmlich ausschaut, dann sagt man heute noch „bô kannal“. Die Musikgruppen, sind vergleichbar mit den Guggenmusikgruppen in Deutschland, jedoch spielen sie hier fast nur Rhythmusinstrumente.

Gefällt einem eine Gruppe, dann folgt man ihr durch die Straßen. Wir sind in Fort-de-France, hier finden die größten Umzüge statt. Es geht über eine festgelegte kreisförmige Route an der es zwei Wassertankstellen gibt, die bitter nötig sind, denn es hat fast das ganze Jahr über 28°C und die Sonne ist vor allem ab Mittag sehr stark. Meine Nase leidet sehr unter ihr aber halb so schlimm, denn rot ist sowieso die Farbe des Tages. Was ich faszinierend finde ist, dass alle die Lieder mitsingen. Es gibt Karnevalsklassiker aber eben auch die Lieder, die jedes Jahr neu geschrieben werden, je nach dem welche Person an den Pranger gestellt wird. Tanzen und singen, den ganzen Tag.

Praktisch unterbrechungsfrei läuft der Umzug im Kreis. Manchmal macht eine Gruppe einen spontanen Marsch durch die engeren Gassen, die durch die Route umschlossen werden und alle Teufel folgen ihr singend. Die Spontanität und Kreativität des Karnevals ist nicht zu übersehen. Eine weitere Tradition ist es sich mit Kohle und Zuckerrohremelasse einzureiben. Eine Gruppe aus mehreren Hundert Menschen ist pechschwarz angestrichen. Aus Fässern, die mit der dunklen, klebrigen Masse gefüllt sind werden sie angemalt. Früher haben das Sklaven auf der Flucht gemacht um sich in der Dunkelheit der Nacht zu tarnen und damit die Hunde sie nicht riechen können. Der Eigengeruch wird nämlich von einem schweren süßen Duft überdeckt. Zurück zum Karneval. Es sind so viele von ihnen unterwegs, dass die Straße klebt und man immer weiß, dass sie in der Nähe sind, sobald es süsslich riecht.

Schwarz-Weiß-Trauer

Der letzte Tag des Karnevals ist geprägt von „Trauer“. Heute wird Vaval gedacht, der seinen letzten Tanz ausführt. Wir sind alle schwarzweiß gekleidet. Aber es ist keine echte Trauer, denn getanzt und gesungen wird auch heute. Zu den rhythmischen Schlägen der Trommeln bewegen wir uns durch die Straßen von Fort-de-France, die von alten Häusern in unterschiedlichsten Farben gesäumt sind. Viel Patina haben die Häuser und haben dadurch einen ganz besonderen Charakter. Ich freue mich schon auf das große Feuer von Vaval am Abend, doch bis dahin dauert es noch. Die Sonne steht hoch am Himmel. Zwischen den Musikgruppen sind aber auch andere Gruppen unterwegs. Zum einen Lastwagen, mit riesigen Anlagen beladen und natürlich verfolgt von einer tanzenden Menge, zum anderen PKWs oder was davon übrig ist. Man nennt sie „Bradjack“ und sie sind verdammt bunt angemalt und vor allem laut.

Statt einer Auspuffanlage mit Schalldämpfern gibt es nur ein Rohr, was zu einem ohrenbetäubendem Lärm führt. Trotz allem sind sie sehr beliebt und gehören zum Karneval auf Martinique dazu. Als es dunkel wird machen wir uns langsam auf den Weg Richtung Promenade, wo das große Feuer sein wird. François und ich kommen nur langsam durch die feiernde Menge voran. Ich sehe Rauch am Himmel und befürchte Schlimmes. Ja, wir haben die Verbrennung von Vaval verpasst. Vor uns ist nur die ausgebrannte Karkasse des Karnevalkönigs zu sehen und „trauernde“ Menschen, die für die Kamera weinen. Etwas traurig bin ich schon, dass ich einen der Höhepunkte des Karnevals verpasst habe und es sich dem Ende neigt aber dann muss ich wohl im nächsten Jahr nochmal kommen, wenn eine ganze Insel wieder feiert.

Martinique ist aber nicht nur Karneval. Was es noch zu entdecken gibt, könnt ihr im nächsten Artikel lesen.

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